Meine Reisen

z.Zt. Daueraufenthalt in Japan

Imoto-chan, Arigatou.

Eine kleine Anekdote aus meinem japanischen Alltag, die mich nachdenklich stimmt.

In unserem Zimmer schläft hinter einer Schrank-Kommoden-Schreibtisch-Konstellation der jüngere Bruder. Ich und meine Schwester teilen uns einen Schlafbereich, sie hat das Doppelbett nach oben, ich liege da drunter. Japanische Häuser sind sehr eng, deshalb muss man sich arrangieren. Aber als ich 16 Jahre alt war, haben wir schon ähnlich gewohnt, ich bin also sehr zufrieden mit dieser Situation. Manchmal haben wir noch vierte Mitbewohner in Form von Kakerlaken. Da haue ich dann meist beherzt mit der Zeitung drauf. Weil der Rest sich vor den Krabbelkäfern fürchtet.

Jeden Abend, wenn meine Schwester spät vom Lernen heimkommt, liegt sie noch im Bett über mir, stellt Fragen zu ihren Englisch-Hausaufgaben oder wir erzählen uns kurz, was wir erlebt haben. Als ich 16 Jahre alt war haben wir das ständig gemacht, da war sie noch 9 und lag mit mir in einem Bett. Manchmal schliefen wir sogar so ein. Das störte mich überhaupt nicht.
Heute ist sie nur noch unterwegs und lernt jeden Tag. Meist ist sie so müde, dass unsere abendlichen Gespräche nur 5 Minuten lang sind.

Gestern Abend war es ähnlich, ich las noch in meinem Buch, sie verabschiedte sich schon mit ihrem niedlichen “Gute Nacht” auf Deutsch mit japanischem Akzent.
Nur 10 Minuten später hörte ich sie plötzlich im Schlaf reden, eher weinen, leise wimmern. Einen Moment war ich komplett verunsichert und wusste nicht, ob ich sie wecken sollte. Gerade, als ich mich so sehr sorgte, dass ich nach ihr sehen wollte, war sie ruhig und schlief weiter.

Sie hat durch die anstehenden Uni-Eingangsprüfungen so viel Stress, dass sie wahrscheinlich oft Alpträume hat und schlecht schläft. Als sie ruhig war, wurde ich auch langsam müde.
Irgendwann legte ich dann mein Buch zur Seite und schlief ein.
Sofort kam der Albtraum jedoch auch zu mir. Ich träumte davon, zurück in Deutschland zu sein, ich wusste nicht wieso, aber es fühlte sich im Traum so real an und ich war mir auch bewusst, dass das nicht richtig sein konnte. Ich müsste ja in Tokyo leben und Arbeit suchen. Im Traum hatte ich solche Angst, dass mein Visa verfallen würde, dass ich nicht mehr zurück konnte und das ich aus unerklärlichen Gründen für immer in Deutschland bleiben müsste, sodass ich schweißgebadet aufwachte und halb schlaftrunken in meinem japanischen Bett stand. Ich brauchte wirklich ein paar Minuten, um zu realisieren, dass ich nur geträumt hatte und mich noch immer in Tokyo befand. Draußen rauschten ein paar nächtliche Autos vorbei, die grelle Straßenbeleuchtung bohrte sich durch die dichten Gardinen vor dem Fenster. Das war Adachi-ku, das war Tokyo. Meine Erleichterung war ungemein.
Über mir hörte ich den leisen, stetigen Atem meiner schlafenden Schwester. Allein durch ihre Anwesenheit war ich so beruhigt, dass ich sofort wieder einschlafen konnte. Ich wusste, ich war nicht allein. Ich wusste, ich war in Japan und würde es vorerst bleiben. Der Rest der Nacht verlief traumlos.

Jetzt ist es schon wieder Abend, gerade kommt meine Schwester heim und meint, sie müsse mir unbedingt etwas erzählen. Wir haben uns den ganzen Tag noch nicht gesehen, sie steht morgens vor mir auf, aber geht nach mir ins Bett. Nun steht sie vor mir, immer noch in ihrer Schuluniform, ihre schwarzen Haare ordentlich zusammen gebunden. Sie hat sich nicht mal die Zeit genommen, sich umzuziehen. So wichtig ist ihre Ansprache. Ihre Augen sind geweitet, sie erzählt schnell und ich kann ihr trotzdem folgen.

“Ich hab gestern Nacht geträumt, ich würde irgendwie fallen, ich hatte so viel Angst im Traum, irgendwie wusste ich nicht, wo ich bin. Ich wollte deinen Namen rufen, Rika-chan, Rika-chan, aber irgendwie konnte ich das nicht mehr. Dann bin ich zum Glück kurz aufgewacht und habe bemerkt, wie du gerade dein Buch weggelegt hast und das Licht ausgemacht hast. Da wusste ich, dass du noch da warst und mir ging es sofort besser.”

Sie lächelt, dreht sich um und verschwindet zufrieden im Bad. Das ist ihre Art und Weise, mir ihre Zuneigung zu zeigen. Sie umarmt mich nie. Das hat sie als Kind gemacht. Jetzt ist sie eine erwachsene Japanerin.
Mir stehen Tränen in den Augen. Denn sie hat mir mehr oder weniger gestern Nacht durch ihre Anwesenheit den gleichen Gefallen getan. Wäre sie nicht da gewesen, hätte ich vielleicht nur schwer wieder einschlafen können.
Wir haben beide Stress, auf unterschiedliche Art und Weise und können uns irgendwie doch nicht helfen. Das macht mich etwas traurig.

Jedoch ist mir eins klar geworden – Wir beide sind Schwestern. Obwohl wir in unterschiedlichen Ländern geboren wurden. Intuitiv verstehen wir uns. Ich weiß, ich kann mich auf sie verlassen. Und ich glaube, sie weiß, dass sie auch auf mich zählen kann. Selbst, wenn wir heute wieder schlecht schlafen sollten. Die Eine wird schon auf die Andere aufpassen.

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Sonntags-Ausflug

Hallo, liebe Leser. Es wird langsam Herbst, wie geht es euch?
Gerade habe ich an euch meine neusten Japanisch-Kenntnisse auf Deutsch ausprobiert – Kigo, das sind saisonale Grüße, die man zu Beginn eines jeden Briefes schreibt. Aber ich schreib ja keinen Brief, sondern einen Blog und spar mir deshalb ab jetzt die Höflichkeiten. Gott sei Dank.

Denn damit plage ich mich schon den ganzen Tag herum – auch wenn das Lernen Spaß macht, es strengt an, wenn keiner kontrolliert. Ich schreibe Bewerbungen, Geschäftsbriefe und Dankesmails in Japanisch und das erfordert meine vollste Konzentration und geht zu 99% in die Hose. Als Ausländer kann man hier noch so lange gelebt und gelernt haben, ich glaube diese Stufe zwischen “Formal höflich indirekt” und “Formal höflich direkt” verstehen nur Japaner.
Das finde ich aber auch in Ordnung. Man muss seine Gaijin-Nase nicht in jeden Winkel der japanischen Kultur stecken. Man kann es auch gar nicht. Hier gibt es so viel, was man intuitiv lernen muss und aus keinem Buch erlesen kann. Das sage ich als jemand, der sowieso schon immer auf Grammatik geschissen hat, aber auf Lexik pocht. Als die ideale Linguistin, so to say. Manches muss man intuitiv lernen. Und manches wird man nie lernen. Außer man möchte hier arbeiten und will ordentliche Bewerbungen schreiben. Dann sollte man nochmal überdenken, was man so in seinem Blog herum tönt.

Gestern hatte meine Familie nach langer Zeit mal wieder frei. Meine Mutter musste nur eine halbe Stunde zur Arbeit (immerhin!), während  mein Vater den ganzen Sonntag entspannen durfte. Das galt natürlich nicht für die Geschwister. Die Jüngste musste ihren Universitäts-Vorprüfungtest schreiben, der Bruder musste Englisch bestehen und die mittlere Schwester kam mit uns mit, sie hatte Abends einen Cheerleading-Auftritt, dem wir beiwohnen würden.
Zu viert fuhren wir also mit dem Auto nach Saitama, Omiya, luden die Mutti bei ihrer Arbeit ab und gingen dann zu dritt shoppen. Also, meine Schwester shoppte, ich beriet sie in Farbe und Schnitt und Papa zahlte. Wir waren ein großartiges Team.

Zwischendurch einfach mal einen Kuchen essen, der aussieht wie der Fuji. So läuft das hier.

Zwischendurch einfach mal einen Kuchen essen, der aussieht wie der Fuji. So läuft das hier.

Dann war die Zeit auch schon wieder rum, die Mutti wurde vor ihrer Arbeit aufgelesen und gemeinsam ging es dann zurück nach Tokyo, zum Apartment der Schwester. Dort luden wir sie ab, denn sie musste sich für ihren Auftritt später besonders kawaii (niedlich) anziehen. Meine Schwester studiert an der berühmtesten Sport-Universität Japans, das macht mich natürlich sehr stolz, aber wer mich kennt, weiß, dass ich für Sport wenig übrig habe.
Dafür aber für Essen um so mehr. Deshalb gings gleich wieder ins Auto, zu einer Bahnhofsgaststätte, wo es wirklich leckere Soba-Nudeln gab und zum Nachtisch ein Eis.

Wirklich gute Soba-Nudeln. Selbst wenn man keinen Hunger hat.

Wirklich gute Soba-Nudeln. Selbst wenn man keinen Hunger hat.

Wir wollten unseren Tag komplett ausfüllen, deshalb wurde das Eis schon auf der Weiterfahrt zu einem Mode-Outlet im Wagen gegessen. Frei kann man ja mal machen, aber deshalb darf man trotzdem nicht die Zeit vertrödeln.
Das Mode-Outlet war nicht wirklich was für mich, es gab eher vernünftige, unauffällige und hübsche Kleidung, nichts mit blutenden Augen oder neon-grellen, beißenden Farben. Aber ich war immer bereit, meine Familie zu begleiten und mit meinem japanischen Papa über die Mode zu lästern. Auch da blieben wir nicht lange. Zu viele Menschen, zu wenig Unterhaltung, nicht die passenden Schuhe.
Gleich fuhren wir weiter nach Chofu City, dort wo das American Football Spiel stattfinden sollte, bei dem meine Schwester cheerleaden würde. Parkplatz gesucht, Karten gekauft, um die Tribüne geschlichen, bis wir vor den Augen meiner Schwester saßen. Keine Fotos gemacht, von Mädchen in kurzen Röcken ist das in Japan immer etwas heikel. Auch wenn man die blonde ausländische Schwester ist.

Ganz aufgeregt und froh dabei zu sein - Ich.

Ganz aufgeregt und froh dabei zu sein – Ich.

Das Spiel selber war nicht so spannend. Also nicht, dass ich Ahnung von Football habe und mich die Regeln interessiert hätten. Gut, man hätte jetzt sagen können – da treten zwei Universitäten mit einem Haufen hübscher, junger japanischer Männer gegeneinander an. Da hätte ich doch was zu gucken gehabt! Aber wer meinen Männer-Geschmack kennt, der weiß, dass ich mich auch dafür nicht so wirklich begeistern konnte. Bier gabs auch nicht. Aber der Abendhimmel war schön.
Was toll war, war eine recht große Gottesanbeterin, die über die Absperrung der Tribüne kletterte. Ich meine – so viel Natur ist man in Tokyo doch gar nicht gewöhnt!

War eine willkommene Abwechslung. Kamakiri auf Japanisch.

War eine willkommene Abwechslung. Kamakiri auf Japanisch.

Irgendwann war das Spiel dann auch vorbei, der Hintern von den harten Bänken wund gesessen und meine Schwester hatte sich lang genug mit den Pompoms niedlich zum Singsang bewegt. Sie fuhr zurück in ihre Wohnung und wir ohne sie nach Hause. Auf dem Heimweg gab es keinen Stau, also waren wir in weniger als einer Stunde beim Supermarkt vor dem heimischen Bahnhof. Schnell noch etwas Sashimi zum Abendessen gekauft, ein bisschen Salat, ein bisschen Nattou und dann zurück in die eigenen vier Wände. Dort warteten auch die daheim gebliebenen Kinder, hatten aber schon ohne uns gegessen.
Mein japanischer Vater, der eigentlich den ganzen Tag nur im Auto gesessen hat, um uns von A nach B zu kutschieren, meinte zufrieden, dass er endlich mal wieder einen schönen freien Tag gehabt hätte. Dazu gab es noch ein paar Bier, ein bisschen Wein und dann war es gegen Mitternacht auch schon wieder Bettzeit. Die Zeit vergeht hier wie im Flug.

Eine gute Sache kann ich jetzt noch berichten – meine Schwester Motoko hat mir gestern auch ihr Pocket Wifi überlassen, sodass ich jetzt immer Internet habe und nie wieder Starbucks sehen muss. Außer wenn ich möchte. Trotzdem will ich das geliehene Gerät nicht allzu beanspruchen und mich deshalb weiterhin auf diese Blogposts beschränken.

Sollte ich jemals irgendwann Arbeit finden, werdet ihr es hier sofort erfahren. Bis dahin erledige ich den japanischen Haushalt meiner Familie. Macht auch mal Spaß.

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Ein kurzer Nachtrag zu HYBRID PHONON & das übliche Blabla.

Susumu Hirasawa hat mich als einzige Ausländerin wohl doch wahrgenommen.
Auf jeden Fall hat er gestern dazu folgendes getwittert:

Unbenannt

“Weiße Menschen, die besonders groß sind fallen mir auf. Sie scheinen besonders in der Beleuchtung. Bestimmt kommt sie von einem weit entfernten Ort, danke dass du zu meinem Konzert gekommen bist.”

Die Übersetzung ist sehr frei, weil sein Tweet reichlich Hirasawa-like kryptisch ist. Aber, mein Gott, was bin ich froh, als große weiße Frau geboren zu sein. Nur für diesen Moment. Und, Wahnsinn, hat er mit 60 noch gute Augen!

Weiterhin möchte ich hier nicht mit meinen Sorgen quälen. Aber vielleicht fange ich gleich wieder an, davon zu tippen. Einfach, weil ich hier kaum Möglichkeiten habe, mich auf Deutsch auszutauschen.
Und über Sorgen redet man in Japan sowieso eher ungern.
Wer auf Fotos aus Tokyo wartet, wird schon gemerkt haben, dass er hier falsch ist. Mir ist in den letzten Tagen aufgefallen, dass ich kaum Fotos mache. Nicht nur, weil ich keine Chance habe, sie hochzuladen, sondern auch weil das hier alles so vertraut und alltäglich ist, dass es für mich schon zur Gewohnheit geworden ist. Und das fotografiert man ja dann auch nicht.
Ich freue mich natürlich trotzdem, wenn hier mitgelesen wird, auch ohne Fotos und ohne die Erwartung an die typischen Touri-Fotos eines Japan-Reisenden.
Denn ich reise ja nicht, ich versuche hier zu leben. (Und die Betonung liegt auf “Versuch”)

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Ein Foto kann ich doch noch liefern. Sollte man mein Gesicht vermissen – hier ist eine Hälfte.

Gerade habe ich wieder ein paar Bewerbungen los geschickt, selbst die deutsche Botschaft in Tokyo verschone ich jetzt nicht mehr. Gestern Abend war ich noch bei einem kostenlosen Konzert, auf dem ein Freund gespielt hat. Das war nach der stressigen Woche eine willkommene Abwechslung. Der Ort, Nishikawaguchi, war eher etwas runtergekommen (Auf Japanisch “shibui”, wie in “Shibuya”). Das Konzerthaus war dafür sehr schön, fast schon europäisch-pompös.
Erst stand ich bei Einlass ganz alleine rum, dann füllte sich langsam die kleine Halle und es wurde ein tolles Konzert.
Nach dem Auftritt konnte ich kurz mit dem Bassisten, Koji reden. Er hat mir nicht nur zwei Karten für sein kommenden Auftritt geschenkt, ich hab auch noch schnell ein Foto mit ihm machen können. Leider ist mein Gesicht vom vielen anstrengenden Lächeln etwas verzerrt. Aber meine Art der Zensur überzeugt bestimmt.

Koji sieht gut aus. Ich halte mich deshalb zurück.

Koji sieht gut aus. Ich halte mich deshalb zurück.

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Wieder Geld gespart. (Danke, Koji!)

Koji hat dann noch etwas zu mir gesagt, worüber ich heute früh noch nachgedacht habe: “Aber wenn du richtig anfängst zu arbeiten, dann kannst du nicht mehr zu Konzerten gehen!” Wir haben uns nämlich auch über meine kommende Karriere unterhalten. Irgendwie hat er mir mit seiner direkten Art die Augen geöffnet.

Das ist ein Umstand, den ich kannte, aber den ich mir einfach noch nicht bewusst gemacht habe. Wenn ich hier richtig anfange zu arbeiten, habe ich keine Zeit mehr für irgendein Konzert, Ausflüge, Reisen. Ich scheffel sozusagen Geld ohne Wert. Das wäre dann das richtige japanische Leben, wie wir es uns alle immer vorstellen. Ich bekomme einen Vertrag und bin einer Firma verpflichtet. Und ich darf in Japan bleiben.

Aber wenn ich nur Nebenjobs mache, dann halte ich mich vielleicht gerade so am Limit, kann weiterhin meine Freiheit genießen und muss aber spätestens in einem Jahr das Land verlassen.

Beides ist für mich gerade keine gute Aussicht. Und ich habe es trotzdem gewusst. Aber noch weniger als keine Konzerte will ich Japan verlassen. (Obwohl Japan ohne Freizeit für mich auch wenig Sinn macht.)
Selbst wenn sich irgendwas in den laufenden Wochen ergibt, wird es mein Leben noch einmal entscheidend beeinflussen. Ich habe das Gefühl, dass das, was ich bis jetzt gemacht habe, nicht reicht. Aber ich weiß, dass ich nicht stehen bleiben darf. Egal, in welche Richtung ich mich jetzt bewege. Ich habe tolle Unterstützung, gestern habe ich es sogar geschafft, mein japanisches Konto einzurichten. Ohne Kreditkarte bekomme ich aber immer noch kein Wifi. Zu jedem Erfolg gibt es einen Rückschlag. Ich sitze hier auf glühenden Kohlen, auf ekligem Starbucks-Kaffee und komme nur langsam voran. Das ist in einem Land wie Japan mit einem rasenden Entwicklungstempo mehr als unangenehm.

Aber solche Momente, wie dieser Tweet von Hirasawa-san oder die nette Begleitung gestern zur Bank oder das erfolgreiche Interview oder das nette Gespräch mit Koji sollten mir ja Mut machen, oder? Man nimmt mich wahr, man freut sich, dass ich hier bin, man schätzt meine Bemühungen.
Das darf ich nicht vergessen.

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Ein Job und dadurch etwas Zuversicht.

Heute kann ich sehr zufriedenstellend berichten. Denn ich habe einen Nebenjob. Und das beruhigt schon mal ein wenig.
Beginnen wir damit, dass ich diesen Nebenjob vom “Hello Work” Center in Shinjuku vorgeschlagen bekommen habe und auch genau dort einen Termin für ein Vorstellungsgespräch ausgemacht habe. Das heißt “Mensetsu” im Japanischen, ein Wort, dass ich mir gleich gemerkt habe, da ich es bestimmt ab jetzt noch öfter gebrauchen werde. (Heute habe ich dieses Wort 18 Mal verwendet. Mensetsu, Mensetsu, Mensetsu)

Also fuhr ich heut nach “Akabane”, der Ort in dem das Gespräch stattfinden sollte. Viel zu früh war ich da, 18 Uhr sollte es erst losgehen, ich trudelte (Dyskalkulie sei Dank) schon 16 Uhr ein.
Was sich aber nicht als Fehler herausstellen sollte, denn der Ort war sehr schwer zu finden. So schwer, dass mich mehrere Japaner in die komplett falsche Richtung schickten. Eine Dame in einem Cafe war so freundlich, mich bis vor das falsche Gebäude zu begleiten. “Hier ist es!”, sagte sie freudestrahlend und ich bedankte mich, typisch Japanisch, in dem Wissen, dass es komplett falsch war. So wird man halt, wenn man hier eine Weile lebt.

So habe ich heute also ein bisschen Akabane erkundet. Das ist von Ueno ein paar Stationen weiter, es gibt gleich am schicken, gepflegten Bahnhof viele schöne Geschäfte, eine Einkaufstraße und nette Polizisten, die mich auch in die Irre geführt haben. Meine Familie sagt “Ein runtergekommener Ort”. Ich kann das so schlecht einschätzen, ich find Tokyo überall schön. (Das ist diese rosarote Brille, von der alle immer reden!)

Irgendwann hatte ich es dann Leid, ging in einen Laden, bestellte mir ein Kaffee, las mein Buch und wartete darauf, dass es kurz vor 18 Uhr war. Dann suchte ich noch einmal, auf eigene Faust mit meinem Internet-fähigen Handy, geliehen von meiner Schwester – und fand das Gebäude sogar. Alles muss man selber machen.
Das Ganze war aber so unscheinbar, dass ich den Japanern, die mich liebevoll aber gänzlich verwirrt hatten nicht mal böse sein konnte.
Mit dem Aufzug gings in den 6. Stock, ganz leise und bedächtig, sodass ich fast annehmen musste, dass sich der Fahrstuhl gar nicht bewegte. Bling! Und schon war ich da. Typische japanische Büroräume – alles klein, alles eng, sehr sauber und sortiert. Die Dame am Empfang erinnerte sich an unser Telefongespräch und wies mich zu einem kleinen Klapptisch neben dem Fahrstuhl. Sie war hübsch und hatte eine tolle, modische Bluse an. Sie brachte mir Tee und machte mir ein Kompliment zu meiner Tasche. Die ist ja auch schick, dessen waren wir uns einig.

Etwas angespannt war ich schon, schließlich musste ich gleich Deutsch unterrichten. Aber irgendwie hatte ich auch komplett die Ruhe weg und fror nur ein bisschen vor mich hin. Ein komisches Gefühl, während ich meinen Tee schlürfte. So “halbgar” fühle ich mich seit meiner Ankunft. Ich schwebe in der Luft und hab ständig Angst zu fallen. Aber diese Angst hatte ich auch schon in Deutschland. Ich habe eine innere Angst einfach mit an einen fremden Ort genommen.

Dann spricht man mich an.
Zwei ältere Herren (was sonst!) wurden mir zugewiesen und ich begab mich mit ihnen in einen kleinen Raum, der bestimmt auch Klassenraum wird, wenn es zum Sprachunterricht kommt.
An der Wand hing ein verschmiertes Whiteboard, neben dem Fenster ausgeblichene japanische Poster, die auf Japanisch aufforderten, dass man Fremdsprachen lernen sollte. Aha.
Mein Gesprächspartner war ein bebrillter, netter Mann, ich überreiche meinen USB-Stick und bitte, mein Resume auszudrucken. Ich gebe vor, keinen Drucker zu besitzen und verschweige dabei, dass mir das Drucken im Kombini einfach zu teuer ist. Ich fühle mich dabei irgendwie listig, lächel aber unschuldig.
Der nette Herr macht sich sofort an die Arbeit, erwartet ein paar englische Blätter und ist angenehm überrascht, als er meinen Lebenslauf auf Japanisch vorfindet.
Dann gehen wir zurück in den kleinen Klassenraum, setzen uns hin, tauschen die üblichen Höflichkeitsfloskeln aus.
Er geht meinen Lebenslauf durch und fragt welche Schule sich wo befindet und ist erstaunt über meine kurze Arbeitszeit beim Glastonbury Festival. Sofort knüpfe ich dort an.
Er liebt Rockmusik und kennt das Festival, ich versichere ihm, wie sehr ich Anzen Chitai mag, eine alte japanische Rockband und sofort sind wir auf einer Wellenlänge. Kurz reden wir auch über Animes, ich präsentiere ein Beispiel davon, wie ich den Deutschunterricht führen würde (auf Japanisch, wie unpädagogisch) und er verzeichnet unter meinem Lebenslauf in Handschrift “ausnahmslos gutes Japanisch”.

Er meint abschließend “Mit ihrem guten Japanisch wird kein Schüler Angst haben müssen, wenn er Deutsch nicht versteht. Sie können dann immer noch eingreifen.”
Das ist zwar nicht Sinn und Zweck eines guten Deutschunterrichts, aber ich pflichte ihm bei. Weil ich das muss. Wir bedanken uns gegenseitig, tauschen erneut Höflichkeiten aus, ich werde bis zum Fahrstuhl begleitet.
Das Ding ist also beschlossen, ich bin angestellt. Man wird mich zu Firmen schicken, wo Deutsch-Lern-Bedarf besteht oder ich werde Privatunterricht in diesen kleinen, gemütlichen Büro-Räumen geben. Beim Abschied verneige ich mich genau so wie mein Gesprächspartner vor den sich schließenden Fahrstuhl-Türen. Eine kleine Hürde ist geschafft.
Bravo! will man jetzt sagen. Toll gemacht!

Aber ich muss da noch etwas realistischer rangehen. Ich werde nur auf Abruf bereit stehen, ich bekomme 2000 Yen die Stunde und es ist kein fester Job, der mein Visa verlängert. Es ist ein guter Einstieg, wenn es funktioniert, zudem hat mir dieses kurze Gespräch sehr viel Selbstvertrauen gegeben (und das hab ich grad nötig). Was ich mir vorstelle, ist es jedoch nicht. Deshalb kann man mir heute schon zuprosten, aber bitte nicht zu überschwänglich. Was sich heute beschlossen hat, ist kein festes Einkommen und damit keine Lösung meiner kommenden Geldprobleme.
Denn mein Bargeld reicht vielleicht noch bis Mitte November. Und ab dann weiß ich sowieso erstmal nicht weiter. (Hier darf man dramatische Musik einfügen!)

ABER bleiben wir optimistisch. Und sehen wir diesen kleinen Erfolg als den an, der er ist. Das schreibe ich hier auch, um mich selber daran zu erinnern.
Manche haben ja meine vom Zweifel geplagten Blogeinträge verfolgt. Vielleicht nicht hier. Vielleicht auf anderen Seiten. Die letzten Tage waren immer ein Auf- und Ab. Ich bin glücklich hier zu sein und will es bleiben. Dabei gebe ich mir die größte Mühe, schnell ins Arbeitsleben zu kommen und die Ausgaben klein zu halten.

Was ich zum Beispiel mache? Ich faste. Seit ich hier bin.
Das hat zwei Gründe.
Ein Grund wäre, dass Susumu Hirasawa das auch macht und ich finde alles cool, was Susumu Hirasawa macht. Und mit 60 Jahren sieht er blendend aus, da muss doch was dran sein, wenn er das ständig auf sich nimmt.
Der zweite Grund ist pragmatischer – ich spare Geld. Früh esse ich mein Frühstück (eine Schüssel Reis mit Sojabohnen), im Starbucks klammer ich mich stundenlang an einen Kaffee und abends esse ich dann noch die Hälfte von dem, was meine Mutter mir vorsetzt (heute war das Makrele mit Reis, Miso-Suppe und Pilzgemüse). Zu viel Essen strengt ja auch an. Und lässt mich schwer nachdenken.
Ich rede mir das grad schön. “Iiwake” nennt man das hier. Habe ich heute auch gelernt. (Iiwake, Iiwake, Iiwake)
Ganz ehrlich, es fällt mir schwer, in diesem Delikatessen-Land solch einen Unsinn durchzuziehen. Aber ich merke, wie ich meinen Geldbeutel schone und noch ein bisschen Zeit herausschinden kann. Ohne japanisches Konto und ohne funktionierende Visa-Karte ist es schwer, auf andere Geldquellen zu hoffen, als darauf, dass ich selber nicht bald verdiene.

Das setzt mich nach wie vor unter Druck. Aber die Zusage heute ist auch eine Zusage darauf, dass ich in Japan Arbeit finden kann. Mein Japanisch scheint auszureichen. Ich wische mir gerade ein paar Schweißtropfen von der Stirn.
Morgen früh muss ich dann um 9:45 Uhr in Tokyo sein. Erneut begleiten mich nette Herren in eine Bank. Das hier ist eine Männergesellschaft, aber sie macht mir noch viel Spaß. Vielleicht habe ich ab morgen dann Internet.
Was ich auf jeden Fall haben werde, ist ein kostenloses Konzert in Nishikawaguchi, Saitama. Ein Bekannter wird dort auftreten und nach dieser Woche brauche ich laute Rockmusik.
Ihr vielleicht auch. Also wünsche ich euch schonmal ein schönes Wochenende aus Tokyo.
Stay tuned.

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Japanische Arbeitsämter und ein Schritt nach vorne

Es hat sich wirklich und wahrhaftig etwas ergeben.
Nachdem ich heute von 11 Uhr bis 15 Uhr im Job Center für Ausländer saß (in dem übrigens alles, aber wirklich alles auf Japanisch war!) habe ich einige Möglichkeiten, bei denen ich mich von nun an bewerben kann.
Das Job Center war nicht leicht zu finden. Von Shinjuku aus schickte mich ein untersetzter Herr, mit schlechten Zähnen Richtung Nishi-Shinjuku Bahnhof und wollte für diese Leistung gleich meine Handynummer haben. (Ich hab das freundlich Japanisch gelöst und ihm die Nummer von meinem alten, unbrauchbaren deutschen Handy gegeben! ZACK!)
Dann rannte ich dreimal im Kreis und fand die Konzerthalle vom Samstag wieder. Auch nicht schlecht. Dann verirrte ich mich erneut so in Kabuki-cho, dass mir nur noch hübsche, charismatische Hostboys den Weg zeigen konnten (vielleicht hab ich das auch absichtlich gemacht, wer weiß!).
Irgendwann fand ich doch das unscheinbare Gebäude mit der japanischen Aufschrift “Hello work”. Am Empfangsschalter meldete ich mich an und füllte erneut irgendwelche sinnlosen Blätter aus, während die Empfangsdamen hinter mir über mein Japanisch tuschelten.
Anschließend musste ich eine ganze Stunde auf meinen Termin warten. Mein Handy, dass sowieso nicht funktionstüchtig war, war zusätzlich verboten. Also drehte ich Däumchen, bis man mich auf Japanisch ausrief und ich meinen japanischen Antrag auf Japanisch einreichte. Ich betone das so sehr, da ich mit Englisch in einem internationalen Job Center nur auf Unverständnis gestoßen wäre.
Und auf Unverständnis stoße ich bestimmt dadurch auch gerade bei meinen Lesern. Aber glaubt mir – die Monolingualität in diesem Land saugt einen ein und lässt einen nicht mehr los. Entweder man kann Japanisch oder man geht halt langsam strauchelnd unter.
Gott sei Dank hatte ich einen netten, älteren Herren, der mir bei der Jobsuche half. Er konnte die typischen deutschen Begriffe (“Bier”, “Wurst”, “Ich liebe dich!”) und wir philosophierten über das Oktoberfest. Wenn er für mich die Anrufe bei den einzelnen Arbeitsstellen tätigte und dann bemerkte, dass “Die Deutsche ein ausgesprochen gutes Japanisch spricht!”, dann wurde ich ganz Stolz und vielleicht auch ein bisschen rot in dem überhitzten Büro.

Nun bin ich wieder zu Hause und sehr müde. Vier Stunden höflich und korrekt auf Japanisch reden hat mich mehr als angestrengt. Da ich nur vulgären Anime-Slang und Bangya-Vokabular gewöhnt bin, muss ich mich auf Ämtern immer stark konzentrieren. Auch wenn ich eine wirklich tolle Unterstützung hatte von dem aufmerksamen Angestellten – ich bin groggy. Nachdem er meine Personalien aufnahm und mich gleich fragte, wie er mich nennen dürfte, ging es zur Sache. Er druckte mir an die 6 Job-Angebote aus, von denen ich zwei von vornherein ablehnte (Einmal Nachtschichten in einer Apotheke, dann nochmal die Kassenkontrolle bei einem Supermarkt. Meine Dyskalkulie lacht sich dabei ins Fäustchen!) und den Rest mit ihm zusammen besprach. Das dauerte wirklich eine halbe Ewigkeit und er nahm sich viel Zeit, damit ich auch alles verstand. Japans Bürokratie ist zwar genau so langsam wie die in Deutschland, aber hier scheint es dafür wenigstens einen vernünftigen Grund zu geben.

Nun habe ich vier Angebote für die engere Auswahl, zu allen habe ich ein Empfehlungsschreiben mitbekommen, dass ich bei der schriftlichen Bewerbung mit eintüten kann.

Job 1Englisch-Lehrerin in einer Sprachschule in Kashiwa. Mit angenehmen Arbeitszeiten von 7 bis 22 Uhr. Mit einer Anfahrt von einer Stunde würde ich in diesem Job auf sehr wenig Schlaf kommen. Find ich gut, hab mich beworben.

Job 2 – IT-Tante bei einem Online-Versandhandel für Otaku- und Akihabara-Kultur. Ich soll also an euch alle, die ihr ständig Merchandise kauft die korrekten Mails in Englisch und/oder Deutsch verfassen. Klingt verlockend, oder? Hab ich angenommen.

Job 3 – Ein Haushaltswarengeschäft mit deutschen Produkten in Shinagawa. Der Name “Prinzessinengarten” fand ich wie auf mich zugeschnitten. Die Bezahlung ist weniger, als die Fahrtkosten bis zur Arbeit, aber zum Spaß probier ich das einfach mal. Obwohl ich nicht glaube, dass man eine echte Deutsche in einem deutschen Laden will..

Job 4 – Mein Favorit. Deutsch-Unterricht für Erwachsene. Sollte es genug Interessenten geben, bekomme ich eine Klasse zusammen, sollte dem nicht so sein, stehe ich für die Firma auf Abruf zur Verfügung. Donnerstag-Abend habe ich dann eine Art Einstellungs-Test: Ich darf 30 Minuten lang, wie es mir beliebt, Deutsch in einer Erwachsenen-Klasse unterrichten. Natürlich hätte ich mich bei Kindern mehr austoben können, aber ich glaube ich bekomme die liebevoll-verspielte Art der Japaner trotzdem mit ein paar Tricks rum.

Ehrlich, über Nummer 4 habe ich mich am meisten gefreut. Weniger gefreut habe ich mich, dass der nette Herr vom Job-Center mir gleich das Telefon in die Hand gedrückt hat und das ich mit der Dame einen Termin ausmachen sollte. Denn mein höfliches Japanisch ist ein ziemlicher Reinfall und am Telefon sieht man ja sehr schlecht, dass ich eine große, blonde Ausländerin bin, die Fehler machen darf.

Trotzdem war die Dame sehr verständnisvoll und gab mir bereitwillig Donnerstag den Termin. Morgen melde ich mich trotzdem auf der Arbeit meiner Mutter, ich nehme jetzt alles mit, was ich kriegen kann. Noch ist nichts entschieden und was sich zum Schluss herausstellen wird, wird dann auch meinen weiteren Lebensweg hier vor Ort entscheiden. Statt Teilzeit wäre mir Vollzeit-Arbeit am Liebsten, da ich dann auch einen Anspruch auf Visa-Verlängerung bekommen kann. Aber wenn erstmal alle Stricke reißen, mache ich gerne Nebenjobs, um die Urlaubskasse aufzufüllen.
Bei Job Nr. 1 ist die Bezahlung wahnsinnig hoch, aber was nützt mir das, wenn ich jeden Tag von 7 bis 22 Uhr unterwegs bin?
Nun gut, das Geld kann man ja ansparen für… ein weiteres Working Holiday Visa?

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Jobsuche und “I am Computer Music”

Da bin ich wieder, ich melde mich aus den Untiefen des Ohne-Internet-Seins. Starbucks habe ich inzwischen so satt, dass ich sogar auf das Wifi verzichten kann. Nie wieder Kaffee. Nie wieder Matcha Grüntee Latte. Nie wieder Karamel irgendwas. Dazu bin ich doch nicht nach Japan gekommen!

Von meinen abgeschickten Bewerbungen kam bis jetzt weder Anruf noch Mail noch sonst irgendwas. Deshalb lohnt es auch gar nicht, ins Internet zu gehen. Also mache ich mich auch nicht weiter fertig. Ich sollte mich niedergeschlagen fühlen. Aber das mache ich natürlich nicht. „Maemuki“ nennt man das hier, „nach vorne schauen“.

Am Freitagnachmittag habe ich mich erst mal auf japanische Trink-Kultur eingestellt und ein paar Gläser Bier im Izakaya, in einer typisch japanischen Kneipe geleert. Abends kam dann noch ein Anruf von einem Freund, der früher bei einer Bank gearbeitet hat – er wird mich im Laufe der kommenden Woche begleiten und mir dabei helfen, vielleicht doch noch ein Konto zu bekommen. Ein Dank geht hier wieder an meinen englischen Freund Chris, der mir diesen Kontakt ermöglicht hat. Ich bin wirklich dankbar, dass ich so viel Unterstützung bekomme.

Nach diesem Anruf und drei Asahi ging es mir dann erheblich besser, zu Hause wartete zusätzlich mein Gastvater mit Shochu, japanischem Sake und dann konnte ich auch erst mal sorglos einschlafen. Ich passe mich hier schnell dem japanischen Leben an – Stress wird einfach weggetrunken.

Gestern stand ich dann früh auf, am Wochenende ist meine kleine Schwester immer noch eine Weile da, sodass wir zusammen frühstücken können. Während sie Englisch lernt, tippe ich diesen Blog. Ab- und zu schaue ich rüber und sehe, wie sie alles richtig macht und wie gut ihre Aussprache ist. Dann bin ich sehr stolz. Sie ist halt mein Lieblingskind.

Auch wenn sich bis jetzt noch nichts ergeben hat, ich habe das Gefühl, ich bin nicht allein. Jeder bietet mir hier Hilfe an, nicht nur meine Familie, auch meine Freunde machen mir Mut. „Wenn es irgendetwas gibt, was wir für dich tun können…“ heißt es da. Selbst Menschen, die ich nicht so gut kenne, wollen mich ständig unterstützen. Letztens bat mir jemand auf der Straße einfach sein Pocket Wifi an. Natürlich habe ich das nicht angenommen. Aber ich wüsste, ich hätte es ohne weiteres benutzen können. Japaner sind so wunderbar. In gewisser Weise sehr selbstlos und auf jeden Fall verlässlich. Ich hätte wahrscheinlich schon das Handtuch geworfen, wäre ich hier komplett allein aufgeschlagen.
Aber noch geht es mir gut. Und von der kommenden Woche verspreche ich mir viel.

Morgen düse ich erst mal zum Job Center für Ausländer in Shinjuku. Dienstag habe ich ein Bewerbungsgespräch bei der Arbeitsstelle meiner Mutter. Mittwoch oder Donnerstag dann endlich die Bank. Vielleicht habe ich sogar schon Ende dieser Woche eine anständige Internet-Verbindung. Man wird ja noch träumen dürfen.

Bis dahin genieße ich noch ein wenig. Gestern Abend war ich in Shinjuku, für ein Konzert von meiner Lieblingsband „Floppy“. Live habe ich sie noch nie erlebt und deshalb war das für mich gestern ein besonderes Highlight. Meine beste Freundin, die gleich um die Ecke vom Konzerthaus arbeitete, überraschte mich noch nach Feierabend, als ich schon für den Einlass anstand. Als sie mir von weitem entgegen kam, standen mir Tränen in den Augen. Mitten in der Stadt, in Tokyo war mir das mehr als peinlich. Ich kenne sie seit ich 16 bin, damals, als ich noch Schülerin war, haben wir fast jeden Tag zusammen irgendwas unternommen. Und noch immer treffen wir uns, wenn ich in Japan bin, immer kümmert sie sich um mich oder hilft mir, wenn ich etwas nicht verstehe. Sie kommt nicht mit rein in die Halle, sie wartet, bis ich aufgerufen werde und fährt dann den langen Weg von Shinjuku bis Chiba nach Hause. Ich winke zum Abschied und verschwinde dann im Keller eines weißen, pompösen Gebäudes.

Das Shinjuku Loft war geräumiger als die meisten Konzerthallen, die ich bis jetzt in Japan besucht habe. Es gab sogar Schließfächer, in denen ich meinen Krempel verstauen konnte, das war besonders praktisch nachdem ich erneut die Hälfte des Merchandise-Standes leer gekauft hatte. Meine Freundin Tarama schrieb mir vor dem Konzert noch „Pass bloss auf, bei Floppy gibt’s so tolle Sachen.“

Diese Warnung hat mich natürlich nicht abgeschreckt und jetzt sitz ich hier auf Schmuckbox, Spiegel, Schlüsselanhänger, Armband und CD. Aber das war es mir wert. Glaube ich jedenfalls.

Die Halle war gut besucht und das Publikum war gemischt. Neben Floppy-Fans fanden sich auch etwas ältere Herrschaften, die für den zweiten Live-Gig gekommen waren.
Die Sängerin nach Floppy war eine etwas pummelige, in Lolita-Kleidern gehüllte lallende Sängerin mit ausdrucksstarker Stimme, aber sehr langsamer Zunge. Sie entschuldigte sich für ihren Alkohol-Konsum und das Publikum war etwas betreten. Ob das ihr Image war oder sie sich unabsichtlich besoffen auf die Bühne gesetzt hat, weiß ich nicht. Ich war amüsiert, denn was sie erzählte war wirklich feinster, besoffener Müll. Aber das Publikum klatschte nur verlegen, ab und zu hustete jemand unangenehm laut. Irgendwann nahm ich dann auch den Sänger von Floppy neben mir wahr, der sich die Liveshow nach ihm nicht entgehen lassen wollte. Ein bisschen hatte ich damit gerechnet, deshalb stand ich immer ganz hinten, gleich neben dem Ausgang. Trotzdem war ich dann ziemlich aufgeregt, als der 4 Zentimer größere (!) blonde Japaner neben mir stand. Mein Fangirl-Herz schlug höher, anmerken lassen habe ich mir nichts. Ich bin ja professionell. :P
Floppy sind ähnlich wie Susumu Hiraswa New Wave/Punk/Chip Rock Musiker. Der Sänger, ein großer Fan von Kraftwerk, legte mit „I am Computer Music“ sogar ein kraftwerk-ähnliches Stück hin, wobei die ganze Menge mitging. Ich fand es wunderbar. Wie immer stand ich ganz hinten, aber ließ mich deshalb nicht weniger mitreißen. Nach dem Konzert besuchte ich noch einmal den Merchandise Stand und verließ dann die Halle.

Nachts durch Shinjuku ist immer so eine Sache.

Vor allem, wenn sich das pompöse weiße Gebäude über der Konzerthalle als Hostclub entpuppt. Sofort wird man angequatscht (da gibt es auch keine Sprachhemmungen) ob man den nicht Lust hat, mit den Jungs was trinken zu gehen. Das sind zwar alles hübsche, junge Kerle, aber die wollen für das Trinken bezahlt werden. Shinjuku ist auch immer ein bisschen Rotlichtviertel. Angst habe ich als 180 cm große, blonde Ausländerin nicht. Aber das Angequatsche ist natürlich lästig.

Ich lehne freundlich ab und spurte zum Bahnhof, meine Familie wartet ja auch schon zu Hause.

Heute hab ich nochmal frei und werde mich in ein paar Minuten nach Harajuku begeben. Meine Haare wollen geschnitten werden und ich habe dort meinen Stammfrisör, der immer frei ist und von dem ich fast annehmen muss, dass er nur auf mich wartet.

Mein Bruder wird auch gerade wach, an seinem Wasser-Konsum kann ich erkennen, dass es bei ihm gestern Abend auch spät wurde.

Nun dann, auf einen neuen Tag in Tokyo.

 

 

(Wie immer hundertausend Fotos, die ich nicht hochladen kann. Sumimasen.)

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Und jeden Tag ein Starbucks Kaffee…

Da mein Internet immer noch instabil bis gar nicht vorhanden ist, beschränke ich mich vorerst auf diese Blog-Updates.
Hier kann ich sicher sein, dass jeder mal lesen kann, wenn er möchte und Zeit dazu hat. (Der Link wird ja immer schön in alle SNS wie die Pest verbreitet.)

Gerade sitze ich in Soka, das ist eine Station neben Yatsuka, da wo ich wohne und seit gestern offiziell gemeldet bin.
Es gibt ein paar Anfangsschwierigkeiten, an denen ich gerade arbeite. Ich war wohl etwas naiv, als ich dachte, ich kann hier gleich losstarten. Aber ich lasse mich nicht unterkriegen.
Zum Beispiel wollte ich ein Ticket für das FLOPPY Konzert am Samstag. Das war noch am einfachsten zu lösen, weil ich dafür nur Geld ausgeben musste. (Gestern erledigt!)

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Das Floppy-Ticket. Selbst gekauft im Supermarkt.

Aber ich habe noch kein Internet und werde so schnell ohne Bankkonto kein Vertrag bekommen. Bei meiner Familie zu Hause gibt es kein Wlan, sowas ist in Japan bei voll internet-fähigen Handys nicht üblich. Ein Handy krieg ich ohne Bankkonto auch nicht. Ein Teufelskreis.
Deshalb renne ich ständig durch Tokyo, auf der Suche nach ein paar funktionierenden Hotspots. Wenn ihr mich vermisst – ich vermisse euch auch. ;)

Existenzielle Probleme tun sich jedoch gerade dadurch auf, dass ich zwar offiziell in Tokyo, Adachi-ku gemeldet und eingetragen bin, aber trotzdem keinen Bankkonto bekomme. Dazu muss ich entweder schon 6 Monate in Japan verbracht haben oder sofort eine Arbeit vorweisen können. Das war mir gestern natürlich noch nicht möglich, als ich auf den kuscheligen Stühlen der Mizuho Bank in Kita-senju saß. Mein japanischer Papa hatte mich extra dahin begleitet, da Japaner bei solchen offiziellen Anträgen keine Unterschriften erlauben, durfte ich mir sogar den Familienstempel ausleihen. Ich bin halt eine echte Sakurai. Trotzdem musste mir die freundliche junge Dame leider mitteilen, dass ich kein Konto eröffnen konnte, deshalb zog ich unverrichteter Dinge wieder ab und suchte mir den nächsten Starbucks.
Ich habe in mein meinem ganzen Leben noch nie so viel Starbucks Kaffee gesoffen. Ehrlich.

Gern geschehen!

Gern geschehen!

Hier ist der einzige Standort, an dem ich stabiles, funktionierendes Internet habe und deshalb sitze ich manchmal 4 Stunden an meinem Caramel Macchiato, der mir eigentlich nicht schmeckt um in Ruhe Mails beantworten zu können und nach möglichen Jobs zu suchen.

Heute habe ich es endlich mal geschafft und zwei Bewerbungen abgeschickt. Einmal für ein Unternehmen, in dem professionelle Deutsch-Englisch-Japanisch-Übersetzer gesucht werden, dann eine weitere Bewerbung an eine japanische Schule, die Englisch-Lehrer benötigt. Vielleicht schreibe ich noch eine dritte Bewerbung, aber dann warte ich erstmal ab. Nicht, dass ich noch den Überblick verliere. Ich sollte es langsam angehen. Das meinte eine japanische Freundin zu mir gestern. Ich bin gerade mal vier Tage zurück in Tokyo.

Trotzdem – auch wenn ich für die anfängliche Zeit genug Geld mitgenommen habe und ich auch immer auf meine Familie zählen kann – genau die sind es auch, die mich mehr oder weniger unter Druck setzen. Das machen sie natürlich nicht absichtlich.
Aber wenn alles schon um 5 Uhr aufsteht, zur Arbeit und zur Uni wetzt und ich alleine noch lange ausschlafen kann, dann fühle ich mich nicht gerade gut. Alles hetzt und rennt durch Tokyo, jeder ist beschäftigt und selbst wenn sie kurz im Starbucks sitzen, um sich auszuruhen, dann geht das nur mit einem Buch, mit dem Laptop, mit der mitgebrachten Arbeit. Meine kleine Schwester lernt jeden Tag von 6 Uhr bis 22 Uhr abends, ich sehe sie kaum und wir wechseln kaum ein Wort miteinander. Das ist okay, wenn man selber beschäftigt ist. Aber leider bin ich zur Zeit noch Tourist. Und ich hasse dieses Rumsitzen, diese Langeweile, dieses Stillstehen. Inzwischen habe ich meinen Jetlag überwunden und stehe meist auch mit um 5 Uhr auf. Dann kann ich mit der Familie frühstücken und wenigstens das Geschirr abwaschen, wenn alle anderen schon geschäftig das Haus verlassen.

Manchmal schlafe ich dann nochmal ein. Sonst ist der Tag viel zu lang.
Heute war es ähnlich. Meine liebe Oma ist dann immer noch da, wenn ich wach werde, kocht sie mir Tee und bringt mir Yakult, Joghurt oder Mandarinen. Dann frühstücke ich Reis, fermentierte Sojabohnen und Suppe vor dem morgendlichen Fernsehprogramm, putz mir die Zähne und verlasse gegen 10 oder 11 Uhr das Haus.

Das ist jedoch ein Abendessen. Kein Frühstück.

Das ist jedoch ein Abendessen. Kein Frühstück.

Immer beschäftigt. Meine Familie.

Immer beschäftigt. Meine Familie.

Gestern war ich nach langer Zeit wieder in meinem Lieblingsgeschäft in Harajuku. Das hatte ich nach dem Rückschlag mit der Bank auch nötig. Im untersten Stockwerk des Kaufhauses Laforet gibt es den Laden “Super Lovers”, der nicht nur meine Lieblingsklamotten-Marke verkauft, sondern in dem auch ein Freund arbeitet. Glücklicherweise war er gestern auch da und hat sich gefreut, mich nach so langer Zeit wiederzusehen. Eine Weile standen wir im Laden und schwelgten in Erinnerung, bevor ich mich für zwei Oberteile entschied und mich bis zum nächsten Mal verabschiedete. Das nächste Mal wird am 25. oder 26. sein, wenn der Laden für einen großen Sale extra Klamotten aus der Mottenkiste fischt. ;)

Ich muss da immer was kaufen. Ich muss.

Ich muss da immer was kaufen. Ich muss.

Vielleicht habe ich bis dahin schon einen Job oder wenigsten eine Zusage, um mein Geld nicht mit großer Unsicherheit aus dem Fenster werfen zu müssen. Denn ausgeben werde ich es weiterhin. Vor allem wenn ich einen Blick auf die anstehenden Konzerte werfe…

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Ankunft in Japan und HYBRID PHONON

Ich bin gelandet. Und wie.
Kein Taifun, kein Regen. Also hatte ich mal wieder viel Glück gehabt. Beim Einreiseverfahren drückte mir die etwas unfreundliche Beamte (ja, das gibt’s!) meinen Ausweis in die Hand. Auf den bin ich so stolz, da konnte ich über ihre unwirsche Miene sogar hinwegsehen. Beschwingt und voller Motivation verließ ich den Flughafen. Mein Skyliner nach Nippori kam sofort und dort wartete wiederum mein japanischer Papa, der mich und meine unmöglich schweren Gepäckstücke einsackte. Schnell nach Hause, Oma begrüßt, Gepäck abgestellt. Das geht in Japan zum Glück immer alles ganz schnell. Man hat nicht diese ganze Wiedersehensemotionalität, das Gedrücke und Geknutsche. Man nickt nur kurz und das war’s.

„Bin wieder da.“

Ehrlich, ich mag das.

Vielleicht.

Naja, fragt mich in einem Jahr nochmal, was ich an Deutschland vermisse.

Dann, wieder schnell ins Auto und noch ein Stück gefahren, bis zum nächsten Udon-Laden. Dadurch, dass ich übernächtigt und ungeduscht war, habe ich auch keine Fotos gemacht. Es war für mich schon anstrengend genug, das leckere Essen in einer sauberen Umgebung einzunehmen, wenn man selber noch ganz versifft von dem langen Flug ist. (In Japan versifft sein ist ein No-go.)

Udon, das sind japanische Nudeln, die man kalt oder warm genießen kann und die man mit Tempura, fritiertem Gemüse oder Fisch zu sich nimmt. Nach der etwas traurigen Essensauswahl an Bord der Aeroflot-Maschine genau das Richtige. Schnell inhaliert und dann wieder heim. Geduscht, wie ein neuer Mensch gefühlt und aufgebrezelt. Und sofort wieder zum Bahnhof. Ich hatte nicht mal Zeit, kurz Luft zu holen. Aber ich kenne den Weg, ich muss nicht mal nachschauen, wie ich zur Halle komme. Von Yatsuka bis nach Ueno. Selbst die Ansagen im Zug werden noch von der gleichen niedlichen Frauenstimmt gemacht.

Das Konzert heute findet genau neben meiner ehemaligen Schule statt, ich fahre also meinen Schulweg, um dort hin zu gelangen. Im ruhigen, überfüllt-warmen Zug schlafe ich fast ein. So fest, dass mich wirklich nur die Ansage „Nächste Station Ueno“ aus dem Schlaf reist.

Ich springe auf, steige um, in die Yamanote-Linie und bin nicht der Meinung, heute erst angekommen zu sein. Ich wohne hier schon immer. Alles ist so vertraut, viel vertrauter als in Berlin. Die Werbung an den Zugtüren, die ruhigen, vorsichtigen Menschen, die sich langsam neben einen setzen, der Duft nach Soja und Seife. Alles sauber, alles übersichtlich und nichts ist gefährlich.

Dann Shinagawa. Ich kenne das Hotel, ich laufe langsam darauf zu, will aber trotzdem gerne mein Japanisch anbringen und versichere mich bei einem Mädchen, dass auch so aussieht, als hätte es das gleiche Ziel, ob ich denn richtig sei. Ich weiß, ich mache dabei Fehler, aber ich genieße es, immer wieder zu üben. Vielleicht klappt es ja beim hundertsten Mal. Sie nickt, versteht mich und lächelt.

Punktlandung.

Ich stelle mich für das Merchandise an, ordentlich in Reihe und Glied, ein japanischer Angestellter im schicken Anzug weist uns ein, immer nur 10 Leute in den kleinen Raum, in dem die CDs und DVDs des Künstlers ausgestellt sind. Mein Herz schlägt schneller. Es wird wahr, es wird endlich wahr. Fehlt nur noch das Ticket.

In meiner Verzweiflung, diesen Künstler unbedingt live sehen zu wollen, habe ich mich im Fanclub (gebührenpflichtig) angemeldet, um dann später mitzubekommen, dass trotzdem alle Konzertkarten ausverkauft sind. Dann rettete mich, wie so oft, Twitter. Ein User bat mir seine übrig-gebliebene Karte an. Nr. 1180, eine recht schlechte Nummer, wenn man nacheinander aufgerufen wird, bei etwa 2000 Gästen.
Aber für mich gerade recht, denn ich bin so groß, mir ist es mehr als unangenehm, wenn ich in der ersten Reihe den Japanern den Blick versperre.
Zurück zum Merch, ich kaufe die halbe Belegschaft leer, zücke freudig mein Portmonee und schicke ein kurzes Dankegebet an meine Arbeitgeber in Potsdam, deren Geld nun hier, in japanische Yen, für Schirm, Anstecker, Handtuch und anderen schönen Schnulli flöten geht. (Für Hirasawa-Fans: Es gab Halycon-Anstecker. Wer hätte da “Nein” sagen können?)

Dann wieder raus, am verabredeten Ort (ein großes Karussell) spricht mich ein junger Japaner an,
„Sind sie Rika-san?“
„Und sind sie meine Eintrittskarte?“ Gesagt. Getan.
Ich krieg die Karte noch günstiger, als im Internet und verschachere das übrig gebliebene Geld nach dem Konzert für einen weiteren Anstecker. Man lebt ja nur einmal.

Die neue Bekanntschaft verabschiedet sich von mir, er hat eine bessere Nummer gezogen und darf schon eher rein. Inzwischen werden alle übrigen Konzertbesucher in einen kleinen Raum sortiert. Unglaublich, was man in Japan alles schafft. Das Konzert befindet sich mitten in einem gut besuchten Zentrum, zwischen Shopping-Center und Hotel ist kein Platz für 2000 Leute. Das wissen auch die Japaner, deshalb werden wir in Nummern aufgeteilt, in einem naheliegenden Raum gruppiert und dann einzeln durch einen Untergang zum Konzerthaus geleitet. Das sind nochmal 50 Meter. Niemand rennt, jeder hält sich an seine Nummer. Genial.

Neben mir ein Mädchen aus Ehime, mit dem ich mich schnell anfreunde. Die erste Frage ist immer „Und was liebst du so an diesem Sänger/dieser Band?“

Ich liebe Susumu Hirasawa schon seit ich 14 bin, damals bin ich durch den Berserk-Anime-Soundtrack auf ihn aufmerksam geworden. Nun, wo ich auch alle anderen Bands höre, die in die Richtung New Wave / Chip Pop / Elektro Rock gehen, gehört Hirasawa-san für mich genau so dazu wie FLOPPY, Metronome und ADAPTER. Und Hirasawa-san ist in Japan das Vorbild für diese Art von Musik. Gestern Abend war es dann auch so, dass von genau diesen anderen genannten Bands Mitglieder im Publikum waren, die Hirasawa-san live erleben wollten. Tokyo ist ja so klein.

Dafür die Konzert-Halle riesig. Ich war kurz überwältigt. Man sieht mein überwältigtes Gesicht wahrscheinlich auch auf der DVD, die gestern aufgezeichnet wurde, denn als Fanclub-only Veranstaltung war ich die einzige Ausländerin. Noch ein kurzes Gespräch über deutsche Würstchen mit meiner neuen Freundin aus Ehime, dann begann schon die Show meines Lebens.

Vielleicht war ich durch die Übermüdung etwas vernebelt im Kopf, wahrscheinlich war ich auch einfach nur sehr aufgekratzt durch den Schlafmangel, aber ich konnte mich schon beim ersten Lied kaum noch vor Freude halten. Auf diesen Moment hatte ich aber auch seit ich 14 Jahre alt war gewartet. Da durfte man hysterisch sein. Ich hatte ja zum Glück ein Handtuch gekauft, in das ich verzückt seufzen konnte. Das Publikum ging aber genau so mit, deshalb sollte es wohl so sein.

Der 60-jährige Susumu Hiraswa legte eine atemberaubende Show hin, bei dem man ihm sein Alter gar nicht ansah. (Außer an dem Umstand, dass er sein Neustem weiß gefärbtes Haar hat, aber diese Diskussion der Fans kann auch Twitter entnommen werden!) Er und sein Partner Pevo setzten Laserharfen, Teslaspulen und LED-Bildschirme ein, Hirasawa-san spielte sogar sehr alte Lieder, bei denen es bei den Fans kein Halten mehr gab. Ich sang vielleicht wieder viel zu laut mit. Aber das war mir ein Bedürfnis.

Nach zwei Stunden war das ganze Spektakel vorbei, Hirasawa-san sagte noch zu uns „Bitte meldet euch, wenn ihr nicht nach Hause wollt.“ Und es meldeten sich natürlich alle. Seine trockene Antwort: „Ab nach Hause mit euch!“

Schweren Herzens und ziemlich durchgeschwitzt verließen die 2000 Zuschauer erneut diszipliniert und geordnet die Halle. Ich verabschiedete mich von meiner neuen Bekanntschaft und bemerkte erst jetzt, dass es doch noch einen Taifun gab, der auf mich wartete. Im strömenden Regen, aber vorbereitet mit Schirm, stapfte ich nach Hause. Dort wartete schon meine ganze Familie, Papa, Mama und meine drei Geschwister auf mich, um mich und meine Geschenke in Empfang nehmen zu können.

Fast hätte ich geweint. Aber in Japan macht man sowas nicht.

Stattdessen gabs ein Wiedersehens-Bier mit dem Papa, die Gespräche wie immer über Uni und Arbeit und ich wusste, dass ich eigentlich nie weg gewesen war. Motoko, meine jüngere Schwester gab mir dann noch ihr Handy. „Ich hab dir schon alles eingerichtet, Rika. Deine Mail-Adresse und deine Nummer erfährst du im Hauptmenü. Du bist als „Rika Sakurai“ eingespeichert.“

Genau. Das bin ich.

(PS. Eigentlich gibt es für diesen Eintrag unzählige Fotos, aber das schlechte geklaute Internet vom Nachbarn lässt das grad nicht zu.)

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Mal wieder Moskau. Sie kennen das.

Da bin ich wieder, fast schon zu Hause, mein Handy hat sich automatisch in das Wifi vom Flughafen Sheremetyevo eingeloggt.
Ich bin hier das dritte Mal. Vielleicht sogar schon das vierte Mal? Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen.
Heute haben mich zur Abwechslung mal trüber Nebel und rostbraune Laubbäume begrüßt. Von oben sah das alles noch sehr hübsch aus. Manchmal sehe ich diesen Flughafen auch noch in Schnee gehüllt. In dem Café, wo ich auch schon die letzten Male saß, gibt es wieder irgendwas mit Lachs und Salat und das ist nach dem Mini-Brötchen im Flieger endlich eine vollwertige und willkommene Abwechslung. Ganz ehrlich – das „Frühstück“ war ein Witz. Und ich hoffe, mein Eintrag artet jetzt nicht zu einem Foodblog-Post aus. Aber.. nur ein Brötchen! Und eine kleine Packung zuckersüßer Apfelsaft! Nur weil ich ein vegetarisches Essen bestellt habe, muss die Fluggesellschaft nicht davon ausgehen, dass ich faste.
Vielleicht sitzt das Kleid auch etwas eng, aber man sieht in diesen aneinander gedrängten Flugzeug-Sesseln nun mal nicht vorteilhaft aus. Egal, wie man sich dreht und wendet.

Aber das ist bis jetzt auch das Einzige, worüber ich mich beschweren könnte. Die Stewardessen sind wie immer wahnsinnig hübsch und freundlich, der nette Russe neben mir im Flugzeug hat sich etwas breit gemacht, aber dadurch konnte ich auch nicht vom Platz rutschen. Das sollte alles so sein. Ein paar zuvorkommende Chinesen haben mir beim Koffer aus dem Handgepäck zerren geholfen. Alles in allem, ein angenehmer Flug. Auf dem Rücken trage ich noch ein recht schweren Rucksack, in dem auch mein Laptop verstaut ist, in der Hand halte ich noch meine Kamera-Tasche. Ich fühle mich ein bisschen wie ein Packesel. Und dabei habe ich meinen 31 kg schweren Koffer ja schon in die erfahrenen Hände von Aeroflot gegeben.

Da fiel mir etwas auf, als das Flugzeug gelandet war und die Passagiere schon begierig im Gang standen, um anschließend schnell durch die Gates zu flitzen. Ich saß am Fenster und genoss das trübe Wetter, dass noch ein wenig zu meiner Abschiedsstimmung passte, als ich eine Reinigungsdame sah, die einen Müllsack ordentlich zuschnürte und dann von der oberen Stufe der Einsteigstreppe schubsen wollte, um ihn nicht schleppen zu müssen. So gut verschnürt war der Sack dann doch nicht und der ganze Müll purzelte von der Flugzeugtür über die Treppen bis nach unten. Die Dame zuckte nur resignierend mit den Schultern und machte sich daran, drinnen weiter zu putzen.

Wenn mein Koffer ähnlich behandelt wird, habe ich etwas Angst. Schließlich ist da auch nur ganz viel Müll drin.
Also auf jeden Fall wertlose Klamotten, ziemlich viele Mitbringsel und Handtaschen. Hundertausend Handtaschen. Weil keine Handtasche ja zu meinem Outfit passen wird. Mein Papa hat beim Packen etwas gemeckert. Aber wenn ich ihm jeden Tag ein Foto aus Tokyo schicken kann und immer eine neue Handtasche dabei ins Bild halte, dann wird er sich auch freuen. Ganz bestimmt.

Jetzt sitze ich hier, habe noch 5 Stunden Zeit, bis es weiter geht und versuche weder müde zu werden, noch deprimiert oder traurig. Das ist nicht gerade einfach. Das graue Wetter hier in Moskau lädt dazu ein. “Werd traurig!” Wie eine große, schwarze Krake will es mich in ein tiefes Loch von Abschiedsstimmung reißen. Aber ich wehre mich dagegen, in dem ich hier schreibe und nebenbei twittere. Dazu schaue ich noch den Livestream von dem Drei-Tage-Konzert, bei dem ich morgen Abend den letzten Tag live erleben kann. Es wartet so viel Gutes auf mich.

Trotzdem.
Ich könnte nicht mal sagen, wie es mir geht, wenn mich jemand fragen würde. Mein Magen ist da immer der beste Auskunftgeber, weil er sich bei Angst und Stress gerne mal jeglicher Nahrung verweigert. Aber ich hatte gerade ein Schoko-Crossaint. Es kann noch nicht so schlimm sein.

Heute früh war es nochmal anstrengend. Für alle Beteiligten. Das gleiche Szenario, wie als ich 16 Jahre alt war. Man denkt, man lernt daraus, man denkt, man wird erwachsen. Man redet sich ein, man ist selbstständig und unabhängig.

Aber dann merkt man auch, dass man immer das Kind seiner Eltern sein wird und das man seine eigene Mama und seinen Papa vermissen wird, egal wie liebevoll die japanische Familie sich um einen kümmert. Und auch wenn man weiß, dass das nur ein Abschied von kurzer Dauer ist, ist es doch ein Abschied und da darf man auch mal ein paar Tränen verdrücken.

Nun sind es nur noch ein paar Stunden, bis ich übernächtigt, ausgelaugt und (ganz bestimmt) mit Magenproblemen in Tokyo ankommen werde. Wie aufregend.
Susumu Hirasawa singt die ganze Zeit  行こうすれ違おう、”愛はいかが?”と (‘Lass uns losgehen und uns dabei mit „Wie wärs mit etwas Liebe?“ grüßen’) und ich wundere mich über den tieferen Sinn dieses anhaltenden Ohrwurms. Spätestens morgen Abend, wenn ich in Tokyo Shinagawa bin und ihn live auf der Bühne sehen werde, wird sich mir das Ganze erschließen. Oder halt nicht.
Aber dann suche ich weiter.
Ich bin ja noch lange nicht am Ziel.

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Update vor der Abreise

Heute sind es nur noch zwei Tage.
Am Sonntag, 9:50 Uhr geht mein Flieger. Ein kurzer Dank an all diejenigen, die mich in den letzten Wochen unterstützt haben, die beim Packen und Vorbereiten mitgeholfen haben und auch an diejenigen, die Abschiedsfeiern, Abschiedsbriefe und Abschiedsgeschenke vorbereitet haben. Ihr alle macht mir diese Entscheidung gerade nicht sehr einfach. Aber dafür bin ich euch auch dankbar. <3

Nachdem ich gefühlte hundertausendmal meinen Koffer hin- und hergepackt habe, einen neuen Rucksack bestellt habe und trotzdem immer noch weit über die vorgegebenen 23 Kilo bin, haben mein Vater und ich heute früh einfach auf ein erneutes Organisieren und Packen verzichtetet und alles in den Koffer gestopft.
Reisevorbereitungs-Resignation pur.
Das wird am Flughafen nochmal teuer, aber für ein ganzes Jahr und vielleicht noch länger kann ich nicht nur ein Paar Schuhe und einen Pullover mitnehmen.
Obwohl das Meiste wirklich die vorbereiteten Mitbringsel ausmachen. Ich habe auf Wunsch meiner Freunde Haribo, Jägermeister, abgepacktes Brot, noch mehr Jägermeister, noch mehr Haribo, Milka-Schokolade und und und… eingekauft. Natürlich freue ich mich, all die Kleinigkeiten dann in Japan verteilen zu können. Aber das Ganze erstmal rüber zu bekommen wird nochmal schwierig. Für einen großen Kraftwerk-Fan habe ich sogar eine Original-Schallplatte “Mensch Maschine”. Das wird sehr spannend, wie die LP drüben im Koffer ankommt… (Vielleicht hilft ja Beten!)

Das wird schwer. Und ist noch lang nicht Alles.

Das wird schwer. Und ist noch lang nicht Alles.

Am Sonntag stelle ich die Damen von Aeroflot dann vor vollendete Tatsachen. Die letzten Monate habe ich ganz gut nebenbei arbeiten können, also werde ich eventuelle Kosten auch gerne übernehmen. Die Haribo bleiben jedenfalls im Koffer.

Nun macht mir nur noch etwas der Taifun Sorgen, der ja auf Japan zukommen soll. Nach letzten Wetterinformationen soll der tropische Sturm erst am Dienstag ankommen, auf einer Website las ich schon, dass einige innerjapanische Flüge gecancelt wurden.

Grundsätzlich hätte ich kein Problem damit, ein bisschen länger in Moskau zu sitzen, sollte es zu Verspätungen oder Ausfall meines Anschluss-Fluges nach Tokyo kommen. Aber diesmal wäre das fatal für mein Zeitmanagement. Den als professionelles Bangya (Band-Gyal = Band-Girl) habe ich gleich am Abend meiner Ankunft ein Konzert in Shinagawa, für das ich im letzten Moment noch via Twitter ein Ticket bekommen habe. Vielleicht sollte ich eher fixiert darauf sein, gut in Tokyo zu landen. Aber so ein Konzert meines Lieblingskünstlers wäre ja ein idealer Start.. ;)

Um am Konzert teilnehmen zu können, musste ich mich noch schnell in den Fanclub eintragen lassen. Na wenns weiter nichts ist..

Um am Konzert teilnehmen zu können, musste ich mich noch schnell in den Fanclub eintragen lassen. Na wenns weiter nichts ist..

Ich lass ab jetzt alles auf mich zukommen, der Koffer ist gepackt, das Geld umgetauscht, der Reisepass mit dem Visum versehen. Gestern habe ich es sogar noch geschafft, meine Bachelor-Arbeit fristgerecht in der Uni einzureichen. Ich habe die letzten Wochen dran getippt und bin glücklich, dass ich diese Hürde geschafft habe. In Japan genieße ich dann unendliche Freiheit. ;)

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Na wenn das nichts ist!

Heute und morgen wird noch Zeit mit der Familie verbracht, bevor es dann erstmal für eine Weile Abschied nehmen heißt.
Gerade bemerke ich, dass der Laptop, an dem ich sitze, auch noch eingepackt werden muss. Ein bisschen Verzweiflung ist das hier schon, was ich mache. Aber sobald ich in Tokyo ankomme, werde ich sehr froh über meine Entscheidung sein.
Stay tuned! 

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