Meine Reisen

z.Zt. Daueraufenthalt in Japan

Entspannung?

“Und wo entspannst du dich?”

Das hat mich meine Englisch-Schuelerin heute gefragt und ich war einen Moment sprachlos. Wo entspanne ich mich eigentlich?

Ich weiss es ehrlich gesagt nicht. Und ich habe jetzt den ganzen Heimweg darueber nachgedacht, im vollen Zug, das Tablet in der Hand, wo ich mich denn eigentlich so entspanne. Ob ich mich ueberhaupt entspanne. Ob entspannen in Tokyo angebracht ist.

Denn Sitzbaenke sind spaerlich gesaet, es gibt viele Cafes, in denen man stundenlang sitzen kann, aber die meisten haben dabei auch ein Buch zum Lernen aufgeschlagen oder kritzeln irgendwas in Notizbuecher. Das mache ich inzwischen auch. Ich lese in der Bahn, ich beantworte Mails im Cafe, ich beschaeftige mich selbst 15 Stunden am Tag. Alles andere erscheint mir hier auch unangebracht.

Am naheligensten waere es ja, zu Hause zu entspannen. Was macht man denn zur Entspannung? Fernsehen schauen? Das geht in meinem eigenen Zimmer nicht, da ich es mir mit meinem Bruder und meiner Schwester teile und kein Platz fuer einen Fernseher ist. Oben im dritten Stock in der Kueche steht ein Fernseher. Da kann man dann etwas unbequem verrenkt auf den Kuechenstuehlen sitzen und Fernsehen schauen. Der laeuft dann auch meist beim Abendessen. Ohne das man wirlich hinschaut. So als Beilage zum Fisch. Ist ganz angenehm.
Eine Couch oder eine anderweitige Sitzgarnitur gibt es in diesem Haushalt nicht. Ab und zu sitzt mein Vater auf dem Trainingsgeraet. Ohne zu trainieren.

Ich habe nur mein Bett und einen kleinen Schrank, sowie zwei Boxen unter dem Bett. In Boxen und Schrank sind meine persoenlichen Sachen verstaut, auf dem Bett wird nur geschlafen. Da kann man sich nicht tagsueber raufsetzen oder drin rumliegen, ausser man hat grad frisch geduscht. Die 4 Decken, die aufgrund der Kaelte so aufgestapelt sind, werden nicht gewaschen oder sind auch nicht bezogen – deshalb kann man sich da nicht mit Strassenklamotten rauflegen.

Es gibt noch einen Schreibtisch, der von meiner Schwester genutzt wird und die ausschliessliches Recht darauf hat, immerhin steht sie kurz vor der Uni-Eingangspruefung. Das erlaubt ihr zur Zeit alles im Haushalt. Auch die Schreibtisch-Alleinnutzung.

Deshalb arbeite ich meist in irgendwelchen Cafes, sogar Starbucks, wenn es sich nicht vermeiden laesst. Zu Hause ist entweder kein Platz oder es ist einfach zu kalt. Zu Hause ist kein Ort an dem man lange bleibt. Man isst ein bisschen, man duscht, man schlaeft seine 5 Stunden. Man entspannt auch nicht. Man hoert keine Musik, weil man nicht allein im Zimmer ist, man telefoniert auch nicht mit der Familie, weil man sich irgendwie doch nicht allein fuehlt, auch wenn Deutsch bestimmt nicht verstanden wird. Man liest nicht, weil man in den kalten 4 Waenden sowieso nur friert und das Buch kaum halten kann. Man sitzt nicht einfach so rum, weil es nur zweckmaessige Stuehle gibt.
Man arbeitet. Egal wo.

Man gammelt nicht einfach so zu Hause rum, wenn alle taeglich schon um 5 Uhr aufstehen und erst 22 Uhr wiederkommen.
“Du hast ein leichtes Leben mit deinen Nebenjobs.” hat meine Schwester mir gestern mehr oder weniger an den Kopf geworfen. Da war ich genau so sprachlos, wie als meine Schuelerin mich nach Entspannung fragte.

Entspannt man denn in Japan? Darf man denn entspannen? In meiner Familie habe ich nicht das Gefuehl, ein Recht auf Entspannung zu haben. Aber es hat mich bis jetzt nie gestoert, weil ich selber nicht hinterfragt habe. Mir erschien ein Leben ohne Entspannung als natuerlich.

Es musste erst jemand anderes kommen, um mich darauf hinzuweisen, dass es sowas wie einen Timeout gibt.
Muss ich mich schlecht fuehlen, wenn ich als Deutsche manchmal in einem so vielbeschaeftigten Land entspannen will?

Ich glaube, meine Familie brauche ich dazu nicht befragen, die Antwort waere mir schon von vornherein klar. Aber ich kann meine Familie auch gar nicht befragen.
Wir sind alle so beschaeftigt – wir sehen uns kaum.

1 Kommentar »

Arbeitsalltag

Außer Alltag erlebe ich gerade nichts Spannendes, deshalb sind meine Einträge gerade etwas spärlich gesät.
Neben Deutsch- und Englisch-Unterricht, sowie dem Bloggen über japanische Gepflogenheiten schreibe ich jetzt auch noch ab- und zu Artikel über Tokyo und arbeite in einer Reisefirma. “Wow”, werdet ihr jetzt denken. “Die muss ja 24 Stunden beschäftigt sein.”
Aber leider habe ich immer noch viel zu viel Freizeit.

“Leider” nur, weil mir meine Gastfamilie schon ein bisschen aufs Dach gestiegen ist. Man denkt, ich verlümmel hier nur meine Zeit und bespaße mich Abends bei Konzerten. (Was ja fast auch stimmt. Aber nur fast.)
Aber durch die ganzen Nebenjobs habe ich einfach keinen geregelten Tagesablauf und ich muss flexibel sein. Ich hänge also nicht von 9 bis 18 Uhr in einer Firma, sondern bin halt mal hier und mal dort. Und ich glaube, das ist für viele Japaner nicht ganz so selbstverständlich. Vor allem erfordern meine Arbeiten auch viel Vorbereitung zu Hause. Das Blog-Tippen oder Artikel schreiben geht natürlich ganz allein auch am heimischen Schreibtisch. Aber ein Sprachen-Unterricht muss man auch vorbereiten. Und wenn ich Artikel über Tokyo schreibe, dann brauche ich auch Zeit zum Recherchieren.

Letzteres macht mir gerade unheimlich Spaß. Vorgestern habe ich erst über meinen Wohnort, Adachi-ku geschrieben. Was alle Japaner wissen und viele Ausländer eher nicht – Adachi-ku ist das Ghetto von Tokyo. Das Dreckspflaster. Das Arbeiterviertel. Das Neukölln Tokyos. ;D
Ich übertreibe vielleicht ein wenig, aber es gibt sogar Mütter die zu ihren Kindern sagen “Wenn du nicht artig bist, dann kommst du auf eine Schule in Adachi!” ;)
Ich wohne schon ewig hier, auch als ich 16 Jahre alt war, habe ich mich hier wahnsinnig wohl gefühlt. Von irgendwelchen Kriminellen, Yankees oder sonstigen Jugendbanden bemerke ich nichts. Es gab in der Vergangenheit einige Verbrechen, die in dieser Gegend passiert sind und durch ihre besondere Grausamkeit oder Brutalität aufgefallen sind. Aber das waren Einzelfälle und diese haben trotzdem ein ziemlich schlechtes Bild hinterlassen.
Deshalb habe ich in meinem Artikel erstmal alles revidiert und immer wieder bestätigt, wie schön es hier ist. Die Weihnachtsbeleuchtung in Takenotsuka, eine Station weiter, soll sehr schön und in Tokyo besonders berühmt sein. Als Deutsche finde ich das ganze Geblinke und Gebimmel ein bisschen kitschig, aber ich bin halt Striezelmarkt-verwöhnt.
In Adachi lässt es sich auf jeden Fall gut leben. Wenn der Artikel veröffentlicht wird, geb ich euch Bescheid. (Und dann werdet ihr alle nach Adachi kommen wollen, bestimmt!)

Auf jeden Fall schreibe ich unheimlich viel und meine Gastfamilie sieht den Aufwand dahinter nicht.
Ich nehme an, dass auch in Japan das Schreiben nicht als Beruf anerkannt wird, deshalb gelte ich vielleicht als Faulenzer oder sogar als Neet.

Hiermit möchte ich aber meinen Ruf retten und sagen – nein, ich hab den Arsch voll von Terminen, aber ich regel sie einfach anders. Mein typischer Wochenplan sieht zur Zeit so aus -
Montags bin ich von 9 bis 17 Uhr in einem Reisebüro und übersetze japanische Flyer ins Englische. Klingt total spannend, ist es aber leider nicht. Aber im Büro ist es warm, die Kollegen sind nett und der Stuhl ist auch bequem. Da kann man also gut mehrere Stunden rumsitzen.
Dienstags unterrichte ich ab 14 Uhr Deutsch. Mit Anfahrt und Vorbereitung mache ich meist so gegen 10 Uhr los und bin dann bis 16 Uhr eingespannt. Abends fahre ich von Saitama dann zurück nach Tokyo, um dort meine Lehrerin zu treffen. Erst unterrichte ich Deutsch, dann werde ich wieder Schülerin und nehme Japanisch-Unterricht.
Mittwochs fahre ich immer nach Gaienmae um meine getippten Blogs abzugeben und neue Themen mit den Kollegen zu besprechen. Das ist dann auch immer gegen 14 Uhr, manchmal bis open end. Morgen unterrichte ich aber ab 16 Uhr Englisch, das heißt in Gaienmae bleibt mir nicht viel Zeit. Blog hochladen, kurz überprüfen lassen und dann gleich wieder los fahren. Meeting mit den Kollegen dann meist über Google Hangout.
Donnerstag dann wieder Deutsch-Unterricht. Die Taktung bis 16 Uhr gefällt mir ganz gut, wenn ich dann noch einen Express nach Ikebukuro zurück schaffe, kann ich manchmal sogar noch Konzerte besuchen. Obwohl ich das jetzt eher einschränken sollte. Vielleicht. Mal sehen.
Freitag dann wieder 9 bis 17 Uhr Flyer übersetzen in der Reisefirma. Das schlaucht dann auch so sehr, dass ich sehr froh bin, wenn ich Abends nichts mehr machen muss. (Außer ein paar anspruchslose Spielesendungen gucken.)

Was ich täglich erledige ist das Arbeiten an einigen Texten, die ich nächstes Jahr bei kleineren Literatur-Wettbewerben einreichen will. Zusätzlich hat meine Lehrerin mir aufgetragen, jeden Tag Tagebuch auf Japanisch zu schreiben. Die Zeit nehme ich mir, auch wenn das manchmal nur eine Seite wird. Meine Lehrerin korrigiert die Einträge dann und zusammen reden wir über eventuelle Fehler. Genau so unterrichte ich wiederum Deutsch und Englisch. Vor allem meine Englisch-Schülerin hat schon ein hohes Niveau, dass ich ihr die selbe Aufgabe gestellt habe.
Bei meinem Deutsch-Schüler dauert das noch eine Weile, aber es gibt sich sehr viel Mühe und die Aussprache fällt ihm auch nicht allzu schwer. Alles in allem bin ich also mit meinem Unterricht zufrieden. ;)

Über angehende und bereits besuchte Konzerte werde ich hier vorerst nicht berichten, denn ich bin ja fleißig und gewissenhaft. ;)

In meinem Aschenbrödel-Kalender habe ich gestern das erste Türchen aufgemacht. Weihnachtlich wird mir hier bei 18 Grad nicht unbedingt, aber an gewissen Traditionen halte ich gerne fest.
Euch allen eine schöne Vorweihnachtszeit.

Hinterlasse einen Kommentar »

Sprachen, Schreiben, Lehren.

Hier bin ich wieder, es wird ja auch mal Zeit. Werde ich schon vermisst? Oder reichen meine sporadischen Twitter- und Facebook-Updates? ;)

Ein kleinen Dank an dieser Stelle an Matthias Reich von Tabibito, der mich in seinen Blog-Radar aufgenommen hat. Seitdem schießen nicht nur meine Klicks nach oben, ich habe auch durch den Verteiler ein paar interessante Blogs entdeckt. Schaut doch auch mal rein, es gibt noch mehr, die hier leben und darüber schreiben! ;)

Manche haben es ja schon bemerkt: ich bin jetzt Deutsch-Lehrerin. Zweimal die Woche fahre ich ziemlich, sehr, viel, unmöglich weit weg um dort in eine Firma Deutsch zu unterrichten. Der Anfahrt-Weg ist fast genau so lang wie meine Unterrichts-Einheit, dafür macht die Arbeit so viel Spaß, dass mich das gar nicht stört.
Ich fahre bis nach Kamifukuoka, in Saitama. Von mir aus ist das eine gute Stunde mit dreimal umsteigen und zum Schluss sogar noch eine kleine, aber feine Busfahrt.

So sieht es da aus, wenn man an einem schönen Tag auf den Bus wartet.

So sieht es aus, wenn man an einem schönen Tag auf den Bus wartet.

Ich befinde mich dann so weit außerhalb von Tokyo, dass ich fast schon denke, ich bin zurück in Brandenburg.
Neben der Firma, in die ich dann geschleust werde, gibt es eine Grundschule, von der aus ich von den Kleinsten wie ein Alien angestarrt werde. Es scheint dort nicht viele blonde Ausländer zu geben.
In der Firma erhalte ich dann professionell ein Schildchen, auf dem “Deutschlehrer” drauf steht. Das zeige ich dann immer ganz stolz rum, wenn ich in Anzug und Pumps über das Gelände stöckel. Auch, damit man mich nicht als Eindringling aus der Firma verweist. ;)

Deutschlehrerin. Das bin dann wohl ich.

Deutschlehrerin. Das bin dann wohl ich.

Mein Schüler ist ein Firmenangestellter, der nächstes Jahr nach Deutschland geschickt wird. Auch wenn ich ihm gerade erstmal von Grund auf die vier deutschen Diphtonge einprügel und die Aussprache der Umlaute vermitteln will, interessiert er sich viel mehr dafür, in Deutschland irgendwie überleben zu können. Und das kann ich ihm nicht verübeln, denn manchmal wünschte ich mir, ich hätte auch so eine Vorbereitung für Japan gehabt.
Das Material wurde mir von meiner Sprachschule gestellt. Das Buch ist nicht allzu schlecht, da es komplett auf Deutsch ist, gute Grundlagen bietet und die Bilder auch ganz unterhaltsam sind.
Nur die CD lässt ein bisschen zu wünschen übrig, aber ich arbeite sowieso lieber mit dem Material, was ich im Internet finde oder mir selbst zusammenstelle.

Deshalb bereite ich jetzt täglich Unterrichtsmaterialien vor und recherchiere auch solche Kleinigkeiten wie Kindergarten-Anmeldung, Mietpreise in der Stadt, in die mein Schüler ziehen wird, Zugverbindungen und und und. Dabei lerne ich auch noch einiges, man merkt also – ich habe viel Spaß.
Wöchentlich muss ich dann einen Bericht an meinen Arbeitgeber schreiben, Ende Januar, wenn der Unterricht abgeschlossen ist, gibt es sogar noch einen letzten Test und einen Abschluss-Bericht, den ich auf Japanisch einreichen werde. Das finde ich, ehrlich gesagt, klasse. Genau in diese Richtung wollte ich gehen und das ich es so weit geschafft habe, macht mich sehr stolz.

In der japanischen Arbeitswelt nur mit Anzug.

In der japanischen Arbeitswelt nur mit Anzug.

Diese Aufgabe füllt meine Woche ganz gut aus, nebenbei ist auch mein erster Englisch-sprachiger Blog eingestellt. Leider wurde er im Nachhinein noch einmal so verändert, dass ich schon gar nicht mehr von “meinem” Blog reden möchte. (Mal abgesehen von den Fehlern, die jetzt drin sind!) Aber ich werde dafür bezahlt, also kann es mir ja eigentlich egal sein.

Zusätzlich habe ich noch eine japanische Schülerin, die Englisch lernen will. Sie hat sich bei mir über eine Internet-Anzeige gemeldet und wir haben uns letzte Woche in der Ginza getroffen. Da sie drei Jahre in Amerika gelebt hat, hat sie sehr gute Grundlagen. Fast schon so gut, dass ich ihr gesagt habe, dass ich ihr Englisch nicht versauen möchte und sie sich lieber einen Muttersprachler suchen soll. ;) Trotzdem fand sie mich scheinbar ganz gut und bestand darauf, dass ich die neue Lehrerin werde. Trotzdem verlange ich nicht viel Geld. Da ich keine Muttersprachlerin bin, mache ich wahrscheinlich auch Fehler oder kann ihr bestimmte grammatische Konstruktionen nicht erklären. Was ich ihr gerade anbiete ist eine wöchentliche Hausaufgabe in Form eines Essays oder ein paar Fragen, die sie beantworten muss. Gemeinsam gehen wir diese Hausaufgabe dann durch und sprechen darüber auf Englisch. Das macht nicht nur Spaß, sondern ich traue mir auch zu, sie ggf. zu korrigieren. Zusätzlich hat sie die Möglichkeit zu sprechen. Und was gibt es Wichtigeres beim Sprachenlernen als das Sprechen?

Für Konzerte und Live-Events bleibt trotzdem noch genug Zeit.
Das P-Model Event war einfach klasse und auf Facebook habe ich dazu ja schon einige Fotos und Video geteilt.
Vorgestern war ich noch bei einem DVD-Release-Event von GalapagosS, zu diesem Anlass habe ich Naomi wiedergesehen und gemeinsam waren wir Sushi essen. Nächste Woche freue ich mich auf ein Event in Takadanobaba, bei dem ich Milly Bison und Kotaro wieder sehen werde. Zwei Künstler, die ich schon seit März treffen möchte. Die Band, für die ich hier Übersetzungen anfertige, wird auch vor Ort sein. Es wird also eher ein großes Treffen mit Freunden als ein Live-Konzert.

Gestern Abend habe ich mit einer Quallen-Gesichts-Maske entspannt. Ja, sowas macht man hier.

Gestern Abend habe ich mit einer Quallen-Gesichts-Maske entspannt. Ja, sowas macht man hier.

Heute bin ich zur Abwechslung mal wieder Schülerin. Gegen 14 Uhr treffe ich mit mit meiner Lehrerin und pauke höfliches Japanisch. Danach fahren wir zu ihrer Mutter, dort lerne ich Japanisch kochen.
Grundsätzlich hatte ich ja immer die Absicht, einen Japaner zu heiraten, aber ohne Kochkenntnisse nimmt mich hier keiner. Das bestätigen mir jedenfalls immer wieder meine Freunde. ;) Die Mutter meiner Lehrerin will jedoch unbedingt Englisch lernen und so haben wir einen Deal ausgemacht – Kochkenntnisse gegen Sprachkenntnisse.
Das wollen wir jetzt auch noch einmal pro Woche machen, ich weiß jedoch noch nicht, wie das in meinen engen Zeitplan passt.

So komm ich hier ganz gut über die Runden. Ich schreibe viel, ich unterrichte und beschäftige mich dadurch mit den Dingen, die ich am meisten mag – Sprachen und Literatur. Ab- und zu gönne ich mir meine Lieblingsbands und esse dazu ausnahmslos gutes Essen. Ich möchte fast sagen, ich lebe hier wie im Himmel.

Das Wichtigste ist jedoch, dass ich gerade in allen Bereichen sehr viel Erfahrung sammel. Ich spreche viel, ich reflektiere viel, vor allem meine eigene Sprache und Kultur. Ich merke auch, was mir immer wichtiger wird und worauf ich nach- und nach verzichten kann. Das macht mir fast noch mehr Spaß, als die ganzen Pflichten, die ich hier zu erfüllen habe.
Japan tut mir gut. Und ich werde weiter darüber berichten.

3 Kommentare »

Sonntags-Eintrag

Sonntag. Und wieder alle unterwegs. “Frei haben” nennt man das hier. Glaube ich zumindest.
Aber bei mir ist es gestern auch spät geworden und heute wird es wahrscheinlich wieder spät werden. Und nächste Woche stürze ich mich sinnlos in die Arbeit. Also darf ich heute nochmal genießen. Ab 15 Uhr P-Model-Night in Shibuya. Was sich hier als Nacht-Event verkleidet ist ein Nachmittags-Event bis 22 Uhr. Die letzten Züge fahren in Tokyo gegen Mitternacht, wenn man also noch nach Hause möchte, ist dieses Zeitfenster ideal. P-Model ist Susumu Hirasawas Band aus den 80er Jahren. Und wer meinen Blog aufmerksam verfolgt hat, brauchte diese Erklärung gerade nicht zu lesen. ;)

Gleich beginne ich zu erzählen. Aber vorerst will ich einen kleinen, großen Dank an meine Leser aussprechen. Ich habe in den letzten Wochen viel Zuspruch für meinen Blog gefunden und bin darüber durchaus erfreut. Mein Ziel war es nicht nur, Dampf abzulassen und meine Muttersprache nicht zu vergessen, ich freue mich natürlich auch, wenn ich euch unterhalten kann. Und noch mehr wünsche ich mir, dass ihr nicht die gleichen Fehler macht wie ich, solltet ihr jemals in Betracht ziehen, im japanischen Ausland zu arbeiten.

Gestern habe ich mich mit einer Gleichgesinnten getroffen, eine Chinesin, die ursprünglich auch für Musik und Manga-Kultur nach Japan kam. Sie arbeitet nun schon seit 3 Jahren in einer IT-Firma und wohnt in der Nähe von Haneda. Ein sehr nettes Mädchen und ich war froh, dass ich meine Grundkenntnisse in Chinesisch noch einmal anbringen konnte.
Danach trennten sich unsere Wege vor dem Bahnhof in Shibuya, sie ging shoppen, ich suchte den “Club Crawl”. Natürlich wieder ein Konzert. Heute sogar kostenlos, also musste ich nicht mal ein schlechtes Gewissen haben.
Wie immer ein angenehmes Erlebnis, bei meiner Lieblingsband ganz vorne in der ersten Reihe, denn man tauscht mit den Gästen ständig die Plätze. Es wird gefragt, welche Band man mag und danach wird sich dann angestellt. Gestern Abend war es ein bunter Mix aus Pop-Musik, Rock und Punk. Insgesamt traten 5 verschiedene Bands auf und alle waren durchaus gute Entertainer.
Schnell war es dann 22 Uhr und ich kämpfte mich durch die vollen Züge nach Hause.
Heute Abend wieder Shibuya. Etwas ruhiger, ein anderes Publikum. Leider nicht kostenlos, aber dennoch günstig.
Und morgen beginnt dann der Ernst meines japanischen Lebens. (Ich erwarte es zumindest!)

13 Uhr muss ich nochmal nach Shinjuku, mein japanischer Vater hat mich an eine deutsche Reisefirma vermittelt und will, dass ich dort vorstellig werde. Vermittelt heißt, ich werde erwartet und muss ordentlich auftreten. Sonst verliert auch mein Vater sein Gesicht. Also morgen wieder Anzug und Haare zusammenbinden. Meinen Punk-Look verstaue ich erstmal im Schrank. Egal, wie sich das Gespräch entwickeln wird, danach fahre ich gleich weiter in meine Firma nach Akabane und unterschreibe dort meinen Vertrag als Deutsch-Lehrerin. Ab Dienstag bin ich dann in Saitama eingesetzt. In einer Firma, in der die Angestellten nach Deutschland geschickt werden, werde ich wiederum vorbereitend unterrichten.
Freitag letzte Woche war ich dann noch in meiner anderen Arbeitsstelle in Gaienmae, Harajuku. Dort habe ich meine getippten Blog-Texte hochgeladen und sobald die Chefin die Link-Zuordnung und Rechtschreibung kontrolliert hat, wird sie die Texte hochstellen. Natürlich werde ich hier informieren, wenn meine ersten bezahlten Texte online sind. Ich hoffe nur, dass mein Englisch einigermaßen korrekt sein wird, es gibt hier niemanden, der mich kontrollieren könnte. Aber vielleicht reicht es für den Anfang.
Nächsten Freitag hechte ich wieder in diese Firma, so wird das jetzt jede Woche ablaufen. Texte schreiben, Freitags hochladen und dann auf die Freischaltung warten. Die anderen Tage in der Woche werde ich Deutsch unterrichten und Übersetzungen für einige Bands anfertigen. Ich werde am Ende des Monats also ein kleines, aber stetiges Einkommen haben und kann meinen Wochenplan immer noch selbst gestalten.
Mittwoch habe ich noch ein Vorstellungsgespräch bei einer Auto-Firma (keine Ahnung!) in Yokohama. Wer mich kennt, weiß ja, wie viel ich von Autos und Auto fahren halte (haha!), aber natürlich nehme ich auch dieses Gespräch mit. Jeden noch so kleinen Erfahrungswert will ich hier nicht auslassen.

Inzwischen weiß ich auch, dass der Weg zu meinem idealen Job und dem passenden Leben dazu entscheidender ist, als das Ergebnis am Ende. Die Jobsuche habe ich vorerst beendet, da ich mit den zwei Nebenjobs recht ausgefüllt bin. Da in Japan die Schulen und Universitäten im Frühjahr beginnen, suchen die Firmen auch erst im März/April neue Angestellte.
Also werde ich mich vorerst mit meinen Nebenjobs und der verbleibenden Freizeit über Wasser halten und dann im Frühjahr erneut nach etwas suchen, was meinen Aufenthalt verlängert. Klingt das nach einem vernünftigen Plan?

Der Grund, warum ich hier schreibe und ständig hin- und her überlege und mit mir selbst diskutiere ist ein einfacher – niemand kann mir sagen, was richtig oder falsch ist und die wichtigen Entscheidungen muss ich hier alle allein treffen. Das mache ich natürlich auch. Was sollte mir auch anderes übrig bleiben? Aber manchmal fehlt die Zeit zum ruhigen Nachdenken und dann hilft mir nur noch das Schreiben. Auf einem Blatt Papier oder am PC-Bildschirm kann ich meine Gedanken viel besser fassen. Auch wenn sie noch so absurd sind.

Damit wartet eine ausgefüllte Woche auf mich. Vorerst schmeiß ich mich jetzt in meine Abendklamotten und pinne mir mein P-Model-Merchandise an die Klamotten. Schließlich will ich dazu gehören. Wie alle anderen auch.

じゃな。

5 Kommentare »

Bauchgefühl

Bauchgefühl. Bauchgefühl ist alles.

Ich hatte heute ein groteskes Bewerbungsgespräch in dem man mir zwar zum ersten Mal meine Fähigkeiten (Deutsch, Japanisch und Englisch) anerkannt hat, aber einen sehr fragwürdigen Stundenlohn angeboten hat. Die ganze Institution erinnerte mich an eine Art Sekte/Schneeballsystem-Firma und am fragwürdigsten fand ich, dass der Hauptsitz in Deutschland ist. Ich meine – wer vertraut schon einer deutschen Firma? ;D

Das Gespräch selbst war sehr nett und das Geld hat mich zusätzlich verlockt zuzusagen. Und ich habe auch vorerst zugesagt. Da war ich wieder ganz Japanerin und höflich (und unverbindlich und geldgierig). Der nette Chef und die freundliche Managerin waren aber auch hinreißend. Obwohl die Managerin für eine japanische Firma viel zu blonde Haare und viel zu glitzernde Nägel hatte. Es gab Kleinigkeiten, die mir von Anfang an Spanisch vorkamen. Oder in diesem Fall halt sehr unjapanisch.
Und auf dem Heimweg fiel mir wieder ein, dass mein Bauchgefühl von Anfang an sowieso beschissen war, dass ich diese Firma eigentlich nicht wirklich mochte und dass man mich zusätzlich für unmenschliche Überstunden verpflichten würde. Und diese Managerin. Wieso sah sie aus wie eine Hostess?
Gerade habe ich eine Absage-Mail geschrieben und bin damit sehr zufrieden. Mein Bauchgefühl dankt mir.

Und erneut stelle ich mir selbst die Frage.
Was ist mir nun wichtig? Eine feste Anstellung und ein Leben in Reichtum, aber ein Reichtum ohne Freizeit?
Oder ein paar Nebenjobs, die mich über Wasser halten und die mir die Freiheit geben, meine relativ teuren Hobbies zu finanzieren? Ehrlich gesagt weiß ich es nicht. Denn beides hat zu viele gute als auch schlechte Seiten. Und in Japan kann man sich nur für einen der beiden Wege entscheiden. Es gibt keinen Mittelweg.

Was ist mein Hauptziel? Für immer in Japan zu bleiben, das war es auf jeden Fall bis jetzt. Aber wenn ich mich dafür in einer Firma knechten lassen muss und dabei Positionen übernehme, die ich mit meiner Moral nicht vereinbaren kann, dann macht mich das auch nicht glücklich.

Und eigentlich bin ich ja hier her gekommen, um glücklich zu werden. In Deutschland konnte ich es ja nicht sein.
Also sollte Japan mein neuer Anlaufpunkt werden.

Was ich jetzt fest habe, sind zwei Nebenjobs als Bloggerin und als Lehrerin. Zwei Berufe, die ich so wollte und für die ich mich auch komplett einsetzen werde. Meine Deutsch-Stunden beginnen ab nächster Woche, in Saitama werde ich in einer Firma Privatunterricht geben. Fahrtkosten und Unterrichtsstunden werden mir bezahlt, es ist nicht viel, aber es wird eine leichte Arbeit, die mir Spaß macht.
Und ich werde immer noch Zeit haben, Konzerte zu besuchen, Freunde zu treffen und für mich selbst etwas Japanisch zu lernen.

Genau dafür bin ich doch auch hier her gekommen. Ich wollte den Menschen, die ich mag nahe sein und ich wollte mich selbst in dem verwirklichen, was mir Spaß macht. Und auch wenn das nie genug Geld sein wird, um es sorglos aus dem Fenster zu werfen, hauptsache es reicht, um zu leben. Eigentlich bin ich mit allem zufrieden. Solange ich meine Freiheit behalten kann.

6 Kommentare »

8. November 2014. Fast schon ein Monat.

Ich habe mich eine Weile nicht gemeldet, getippt habe ich trotzdem jeden Tag. Wenn es nicht hier ist, dann in anderen Blogs oder ich schreibe Mails oder ich notiere irgendwas in mein Tagebuch mit dem guten Vorsatz, es dann hier zu posten… Nun, den guten Vorsatz habe ich sehr oft, aber ich setze ihn selten in die Tat um. Ich arbeite auch intensiv an einem Prosa-Text, aber wer weiß, in welchem Leben ich den beenden werde…

Was ich aber schon auf Facebook geschrieben habe und hier auch nochmal offiziell bekannt machen will – ich habe einen kleinen, aber feinen Nebenjob. Ich bleibe die Exilautorin, die ich werden wollte.
Ab jetzt werde ich nicht nur hier bloggen, sondern auch hier. Und ich werde sogar dafür bezahlt. Pro Text bekomme ich 3000 Yen, das ist in meiner Rechnung ein Konzert + Drink-Ticket. Also kein schlechter Erwerb.
Zudem ist es etwas, was ich sehr gerne mache – schreiben. Zwar auf Englisch und bestimmt nicht fehlerfrei, aber die Recherche macht Spaß und auch das Zusammenfügen der Bilder ist eine schöne Herausforderung. Die Firma, für die ich arbeite ist ein sehr kleines Unternehmen, welches noch in den Kinderschuhen steckt, aber von der ich einen sehr guten Eindruck hatte. Ich werde ab jetzt Ausländern wie mir helfen, indem ich Tipps und Ratschläge in den oben genannten Blog schreibe. Natürlich dürft ihr da auch ab- und zu reinschnuppern.

Ich helfe also Ausländern hier in Tokyo Fuß zu fassen. Was ich fast schon ulkig finde, denn wirklich einen Fuß gefasst habe ich arbeitstechnisch ja auch noch nicht. Nächste Woche bin ich schon einen ganzen Monat hier und ich werde nicht damit anfangen aufzuzählen, was ich erreicht habe. Denn dann würde ich mich erneut nur noch mehr unter Druck setzen. Und meine japanischen Freunde meinen, ich soll mir Zeit lassen. Und auf die höre ich ja. (Sollte ich!)

Und ich arbeite daran. Und ich arbeite an mir.
Meine ehemalige Japanisch-Lehrerin will mich jetzt einmal die Woche für 2000 Yen die Stunde im höflichen Japanisch unterrichten, also Business-Level Japanisch, welches mir noch fehlt, um hier in der Arbeitswelt anzukommen. Das merke ich immer wieder und es deprimiert mich sehr. Diese Facette der japanischen Sprache will sich mir einfach nicht erklären.
Denn egal, wie gut ich mich verkaufen will, sobald ich über einfache Höflichkeitsregeln stolpere, will mich keine Firma haben. Das habe ich in den letzten Wochen immer wieder gemerkt. Ich verstehe höfliches Japanisch, nur richtig darauf zu reagieren fällt mir sehr schwer. “Japaner können das auch nicht” heißt es hier immer wieder. “Mach dir keine Sorgen, Rika-chan!”
Das habe ich schon verstanden, aber trotzdem wird es von mir verlangt. Also muss ich da durch. Und ich gebe ja nicht auf.

Gestern habe ich nach fast zwei Jahren eine meiner besten Freundinnen wieder getroffen. Tarama-chan wohnt in Ibaraki und ich habe sie damals bei meinem allerersten GalapagosS-Konzert kennen gelernt. Das Wiedersehen war auf meiner Seite ziemlich emotional. Aber sowas zeigt man natürlich nicht. Nicken und Winken. Reicht.
Gegen 15 Uhr mit etwas Verspätung trafen wir uns am Tokyoter Hauptbahnhof und ich war über ihre Anwesenheit mehr als glücklich.

image (2)

Japanische Purikura mit verstörend großen Augen. Sowas muss einfach sein.

Stress ist eine Sache, aber eine Einsamkeit, die man mit niemanden teilen kann, ist besonders schlimm. Meine japanische Familie ist liebevoll und fürsorgend, aber auch sehr beschäftigt. Wenn ich allein durch Tokyo hetze, dann vergesse ich natürlich, welche Erwartungen ich an mich selber habe. Aber wenn ich dann Abends alleine in der Küche sitze und meine Familienmitglieder kommen auch noch nicht um 21 Uhr nach Hause, dann fällt mir wieder ein, dass ich als Einzige noch keine Arbeit habe und in diesem Land, in dem Zusammenhalt so wichtig ist, als einzige Individualistin da stehe.
Deshalb war ich sehr froh Tarama-chan wieder zu treffen und den Nachmittag mit ihr zu verbringen.
Wir fuhren von Tokyo direkt nach Nakano, in einen New Wave Laden, den wir beide schon lange mal besuchen wollten. Ich blieb natürlich bei den Susumu Hirasawa Sachen kleben, Tarama-chan fand auch für sich Bands und T-Shirts. Wir kauften dennoch nichts, sondern genossen nur und kicherten wir die Fangirls, die wir ja leider sind.

IMG_20141107_160811

Ich vor dem “Shop Mecano” neben einem Hirasawa-Poster. Unglaublich glücklich.

IMG_20141107_160837

Deutsche Musik in Japan. Ich hab mich gefreut.

Dann fuhren wir zurück nach Shimokitazawa, dort sollte 18:00 Uhr das Konzert statt finden, für das wir beide unsprünglich auch in Tokyos Zentrum gefahren sind. In einem Cafe nahmen wir schnell ein kleines Abendessen zu uns, tauschten Geschenke aus und frischten unser Make-up auf. Wir hatten einen Zeitrahmen von 30 Minuten. Da hieß es, keine Zeit zu verlieren.

Ich nenne das "Abendessen". French Toast.

Ich nenne das “Abendessen”. French Toast.

Tarama-chan, die aus Ibaraki stammt und damit im Heimatort meiner Lieblingsspeise, fermentierte Sojabohnen, wohnt hat mir eine Riesen-Tüte mit selbigen mitgebracht.
Das schleppte ich natürlich überglücklich bis zur Konzert-Halle und erntete dort viele fragende Blicke.
Einen Konzert-Bericht erspare ich meinen fleißigen Lesern. Denn das ist nicht das, wofür viele zu diesem Blog kommen. ;)
Aber ich hatte Spaß, es gab gutes Bier und die Bands waren alle durchaus fantastisch. Tarama-chan und ich standen als die größten Anwesenden in der ersten Reihe. Da sind wir ziemliche Arschlöcher. :P

Mit etwas Verspätung, gegen 22:30 Uhr verließen Tarama-chan und ich die Halle, wir sputeten uns, nach Shibuya zu kommen, damit wir unseren letzten Zug noch erwischten.Tarama-chan musste noch zurück nach Ibaraki, sie hatte mit dem Bus höchstwahrscheinlich den längsten Weg.
Wir verabschiedeten uns in Shibuya, ich bestand auf eine deutsche Umarmung. Dann fuhr ich heim, schaffte meine letzten Züge und war müde und glücklich gegen Mitternacht zu Hause.

Von ihren mitgebrachten Geschenken kann

Von ihren mitgebrachten Geschenken kann ich mehrere Monate leben. Bestimmt.

Heute beschränke ich mich den ganzen Tag auf meine Homeoffice Arbeit. Ich werde die Blog-Texte für die Firma tippen (die Texte sind vorgegeben) und noch ein paar Mails beantworten. Montag und Dienstag habe ich zwei weitere Vorstellungsgespräche. Ich bin genau so gespannt wie ihr, wie sich das alles entwickeln wird.
Aber ich weiß, ich bin nicht allein. Und dafür bin ich sehr dankbar.

Hinterlasse einen Kommentar »

Kurzer Zwischenbericht

Ich hatte euch ja hier einen Blog über japanisches Essen und Abendunterhaltung versprochen, aber leider ist meine Maus kaputt gegangen und ich bin gerade in vielem sehr eingeschränkt. Da ich ein kleiner Bewegungsidiot bin, kann ich mit einem Laptop-internen Touchpad nicht umgehen (wirklich nicht, deshalb nutze ich auch nur QWERTZ-Handys, LACHT RUHIG!).
Das hat zur Folge, dass ich während des Tippens immer wieder das Touchpad berühre und aus Versehen die Maus verschiebe, sie zum Klicken bewege oder ähnlichen Blödsinn mit meinem Blog-Layout anstelle. Das ist kein angenehmes Arbeiten. Wirklich nicht.

Der fehlende Blogpost wird aber folgen, das verspreche ich. Deshalb nur ein kurzes Update.
Zur Zeit renne ich nur von Interview zu Interview, heute hatte ich wenigstens mal eine Art Rücksprache erhalten, ab wann ich denn vielleicht informiert werde, ob ich den Job bekomme oder nicht. Japaner sind hier alle sehr freundlich, zurückhaltend und selbst bei Bewerbungsgesprächen immer darauf bedacht, nicht zurück zu weisen oder zu verletzen.
“Wir melden uns” heißt hier also noch mehr als bei uns “Nein, du nicht.” (Twitterer werden diesen Witz verstehen.)

Bei den meisten Firmen, bei denen ich jetzt war und dieses “Wir melden uns” vorgesetzt bekommen habe, habe ich keine Rücksprache mehr erhalten. Manche rufen mich noch an und testen dann meine Japanisch-Sprachkenntnisse am Telefon. Aber bis jetzt ist nichts fest, nichts abgesichert und ich versinke hier ein bisschen zwischen Langeweile, Geldnot und Einsamkeit. Fast so ein bisschen wie ein echter japanischer Hikikomori. (Nichts worauf man stolz sein sollte!)
Als ich das auch noch auf Twitter gepostet habe, hat sich gleich meine beste Freundin gemeldet und meinte, ich soll morgen mit ihr essen gehen. Sie ist selber komplett ausgefüllt und beschäftigt, aber für einen Tee zusammen schleicht sie sich aus der Firma. Sie ist die Allerbeste.

Meine Familie ist auch noch nicht zu Hause, es ist hier 18:33 Uhr und während ich diese Zeilen tippe, habe ich die Maus schon 14 Mal unabsichtlich hin- und her bewegt.
Deshalb höre ich an dieser Stelle auf und lenke mich mit anderen interessanten Dingen von meiner Arbeitslosigkeit ab.
Die besseren Tage kommen aber bestimmt. Ich bin da sehr zuversichtlich.

Hinterlasse einen Kommentar »

Ein Nachmittag im GAZIO-Cafe

Ich habe heute meinen persönlichen Himmel gefunden.
Deshalb schreibe ich schnell einen Disclaimer:
Dieser Eintrag wird ein Fangirl-Eintrag, ich möchte hier kurz warnen und meine geschätzten Leser darum bitten, den nächsten Eintrag zu lesen, wenn sie NICHTS über Hirasawa Susumu oder das Gazio Cafe in Tsukuba lesen möchten. (Es folgt noch ein Blog über japanisches Essen und Karaoke in den nächsten 72 Stunden!)
Wer sich trotzdem nicht abschrecken lässt und gerne wissen will, wie ich meinen Samstag verbracht habe, darf ab jetzt weiter lesen.

9 Uhr stand ich heute auf, für japanische Verhältnisse ist das nicht ausschlafen, sondern faul. Meine japanische Mutter ist zur Zeit in den Bergen wandern und nicht zu Hause, deshalb springe ich ein, wasche die Wäsche und hänge sie auf. Das mache ich im Multi-Tasking-Prinzip, da ich nebenbei frühstücke, mir Locken eindrehe und meine Tasche packe. Heute geht es 60 km nördlich von Tokyo nach Ibaraki, Tsukuba. Das ist zwei Präfekturen hinter Tokyo, ein ganz schönes Stück und wenn ich meiner Familie sage, wofür ich da hinfahre, werde ich nur liebevoll belächelt.
“Ach, für einen Vortrag über New Wave Musik.. Na, das muss ja toll sein.”

Und, mein Gott, war es auch!
Ich fuhr also 12:30 Uhr los, brauchte eine Stunde mit dem bequemen Zug von Kita-Senju bis nach Tsukuba. Kita-senju liegt nur 5 Stationen von meinem Ausgangspunkt entfernt, eigentlich wohne ich nah dran, wenn ich schnell mal weg will. Und mein “weg” ist heute Tsukuba. Es gibt dorthin eine Express-Linie, mit der ich schon immer mal fahren wollte. Gesagt, getan. Arschbequem und arschteuer. Fast eine Stunde fahre ich durch Reisfelder und regnerische Landschaften. Ich spüre, wie ich Tokyo hinter mir lasse. Dann erreichen wir schon die Endhaltestelle. Neben mir eine Familie auf dem Weg zum Wochenendausflug. Alles ist vergnügt. Ich auch.
Ich komme an, hübsche mich auf dem Bahnhofsklo auf und fische mein Handy aus der Tasche. Jetzt gilt es nur noch das Cafe zu finden.

Tsukuba im Regen. Muss man nicht haben.

Tsukuba im Regen. Muss man nicht haben.

Betrieben wird es vom Bruder meines Lieblingssängers, Susumu Hirasawa. Yuichi Hirasawa heißt der Inhaber und er lädt heute einen japanischen Schriftsteller und Journalisten dazu ein, ein wenig über New Wave Musik und im speziellen Falle über Susumu Hirasawa und seine Band “P-Model” zu reden.

Die beiden Brüder im Eingang des Cafes. Genau da stand ich heut auch lässig rum.

Die beiden Brüder im Eingang des Cafes. Genau da stand ich heut auch lässig rum.

Im strömenden Regen stapfe ich durch die breiten Straßen einer mir vollkommen fremden Stadt. Tsukuba wurde für wissenschaftliche Zwecke errichtet, von Form, Größe und Tristheit erinnerte es mich ein wenig an das heimische Eisenhüttenstadt. Jedoch gibt es drum herum Forschungszentren und Universitäten, die dem ganzen einen etwas gehobenen Anspruch verleihen.
Mit meiner unsäglichen japanischen Wegbeschreibung und meinem Google Maps-fähigen Handy irrte ich dreimal im Kreis, wurde pitschnass und fand dann endlich das Cafe, versteckt zwischen Auto-Vermietung und Kombini. 14:00 Uhr war Einlass, 13:57 Uhr stand ich vor der Tür. Pünktlich wie eine Deutsche.

Gefunden!

Gefunden!

Kurz nach 14 Uhr traute ich mich dann endlich rein, ganz allein drängte ich mich durch die winzige Hintertür und stand plötzlich in einem Hirasawa-Tempel. An der Wand seine Bilder, neben den aus Aluminum gefertigten Tischen seine Instrumente, sein Fahrrad, seine Laser-Harfe, seine Bühnenoutfits, aus den Lautsprechern seine Stimme. Die Wand war mit weißem Holz verkleidet und mit Scherenschnitten von Fans behangen. Ein großer Fernseher thronte in der Mitte des Raumes. An den Cafe-Fenstern standen Grünpflanzen neben elektronischen Bühnengeräten. Das ganze Cafe wirkte gemütlich und vollgestellt.
Hinter der Theke stand, unverkennbar, bebrillt und mit Mütze, Hirasawas Bruder Yuichi. Ich grüßte verlegen und er verwies mich zum Empfang am anderen Ende der Theke. Dort bezahlte ich meinen Eintritt (2200 Yen), bekam mein Gratis-Getränk (Eistee) und wurde zu einem kleinen Tisch mit drei Stühlen verwiesen. Neben mir ein Hirasawa-Bild, dass mich den ganzen Nachmittag über liebevoll anschauen würde. Ich hatte ganz weiche Knie.

Hat mich beim Essen beobachtet - Susumu Hirasawa.

Hat mich beim Essen beobachtet – Susumu Hirasawa.

Außer mir waren schon einige weitere Gäste vor Ort, zwei junge Damen, die Spaß mit der funktionierenden Laser-Harfe hatten, ein junger Mann mit Hirasawa-Desktop-Hintergrund auf seinem Mac und natürlich die Kellnerinnen, die geschäftig um mich herum wuselten.
Ich war aufgeregt und fühlte mich trotzdem sehr wohl. Hier war ich also unter Gleichgesinnten. Ich drückte das Alter durch meine Anwesenheit jedoch gewaltig. Wer auf 80er-Jahre New Wave Musik steht, ist halt nicht unbedingt erst 20…
Man brachte mir plötzlich ein Curry-Gericht, dass ich nicht bestellt hatte, aber das automatisch im Preis mit inbegriffen war.
Ich nahm zwei Happen, war sowieso kein Curry-Fan und musste feststellen, dass es zusätzlich Fleisch war. Als nun mehr 5-jährige Vegetarierin hätte ich es ablehnen müssen. Aber meine Fangirl-Gefühle haben mich übermahnt. Dieses Essen hat doch der Bruder meines Lieblingssängers zubereitet!
Mit diesem wenig tröstenden Gedanken leerte ich die Schüssel. Es war äußerst lecker und ich lebe noch.

Kann ich weiterempfehlen. Curry mit Reis.

Kann ich weiterempfehlen. Curry mit Reis.

Während ich meinen Eistee schlürfte und darauf wartete, dass es 16 Uhr wurde, legte der Moderator der anstehenden Veranstaltung die BITMAP-DVD von P-Model ein. Gespielt wurden alte Live-Auftritte von 1979 bis 1980 und Promotion Videos der Band. Ich war im siebten Himmel.
Später setzten sich noch zwei ältere Herren zu mir mit an den Tisch, der eine hatte das Gazio-Cafe Abzeichen an seinem Hemdkragen, der andere wirkte sehr ruhig und trug eine modische Krawatte. Ich wurde begrüßt wie in einer Sekte. “Willkommen, im Hirasawa-Fanclub!” Fehlte nur noch ein spezieller Laser-Harfen-Gruß.
Man stellte sich gegenseitig vor, jeder erklärte kurz, warum er Hirasawa so toll fand, dann wurde über New Wave Musik in Deutschland geredet. Ich verwies wie immer auf Kraftwerk und man war ganz entzückt über meine korrekte Aussprache des Wortes “Kraftwerk” und “Autobahn”.

Irgendwann gegen 16 Uhr begann dann der eigentlich Vortrag, ich bestellte mir kurz vorher noch einen Cocktail, der giftgrün war und wie Hirasawas Lied “Gipnoza” hieß. Alle Cocktails in diesem Cafe haben Namen wie die Lieder von Hirasawa, der Bruder brachte die Mixgetränke persönlich an den Tisch.

Wahrscheinlich Pfeffi mit Vodka - "Gipnoza"

Wahrscheinlich Pfeffi mit Vodka – “Gipnoza”

Es folgte ein 3-stündiger Vortrag über die Entwicklung von New Wave Musik aus Punkrock und anderen Misch-Richtungen, der Vortragende selbst war ein großer Fan von Nina Hagen, Kraftwerk und DAF, sodass er auch von Ostdeutschland und dem Berliner Ensemble sprach. Als einzige Deutsche (und als einzige Ausländerin) zwischen den 40 anwesenden Gästen war ich etwas stolz. Vor allem, dass unsere Musik mehr Anklang fand als die englischen Sex Pistols oder die amerikanischen B52.
3 Stunden passiv Japanisch lauschen war trotzdem sehr anstrengend. Als der Vortrag vorbei war, wurde kurz geklatscht, noch ein paar Fragen gestellt, die Uhr zeigte kurz nach 19 Uhr.
Mein Tischnachbar, mit dem ich mich etwas angefreundet hatte, bestand darauf, mich dem Inhaber und Bruder Hirasawas vorzustellen. Ich bemerkte, dass er öfter an solchen Events teilnahm und alles und jeden kannte. Und nun wollte er, dass auch ich alles und jeden kennen lernen sollte. Ich war viel zu aufgeregt und hätte gerne darauf verzichtet. Vor allem weil Yuichi so anders wirkte, als sein Bruder. Etwas verschüchtert, fast schon grummelig.
Als ich aber dann mit ihm sprach, merkte ich schnell, dass meine Bedenken unnötig gewesen sind.
Mein Tischnachbar stellte mich vor, “Diese Mädchen kommt aus Deutschland und ist gleich nach ihrer Ankunft zum Konzert von Hirasawa gegangen. Irre, oder?”
“Hast du alles verstanden?”, fragte mich der ältere Herr hinter der Theke. Er war verunsichert, wie gut mein Japanisch war. Ich war es ehrlich gesagt auch. Immerhin sprach ich mit einer Berühmtheit.
Ich nahm all meinen Mut zusammen und brachte sogar ein astreines, formal-höfliches Japanisch zutage (was mich selber überraschte!):
“Ich habe mir beim Verstehen viel Mühe gegeben. Vielen Dank, dass ich in ihrem Laden ein so leckeres Essen und Trinken genießen durfte.”
Zack. Und ein Lächeln auf seinem Gesicht. Unglaublich, wie man Japaner verzaubern kann.
“Wo wohnst du?”, fragt er und holt ein Tablet raus. Sein Japanisch ist schnorrig und frei von jeder Höflichkeit. Aber das mag ich. Das macht es mir einfacher, zu verstehen. Als ich Adachi-ku sage, lächelt er wieder. Natürlich, fällt es mir ein, er und sein Bruder sind ja dort geboren.
Er sucht für mich nach dem Zug und nennt mir die beste Verbindung. Ich bedanke mich und will gehen, da bittet er mich zu warten. Inzwischen merke ich, dass alle Augenpaare auf uns gerichtet sind. Wieso spricht Yuichi Hirasawa mit einer Ausländerin? Ich kann es regelrecht in meinem Rücken spüren.
Meine neue Bekanntschaft wartet zurückhaltend an der Tür. Er will mir diesen Moment gönnen und ich bin ihm dafür dankbar.
Yuichi-san kommt zurück und drückt mir etwas in die Hand, lächelt noch einmal und wünscht mir einen schönen Abend.
Auf dem Nachhauseweg sehe ich, dass es selbst entworfene Postkarten sind. Ich fühle mich geehrt.

Obwohl ich allein zu diesem Event gefahren bin, hatte ich die Möglichkeit, neue Freunde kennen zu lernen, tolles Essen zu genießen und mein Japanisch zu verbessern. Ich hätte nicht damit gerechnet, mit Yuichi-san reden zu können. Mein Glück wurde mir erst später bewusst, als ich schon im Express zurück nach Hause saß. (Und auch jetzt bin ich noch ziemlich hyper!)
Ich wurde eingeladen, bald wieder vorbei zu kommen. Demnächst gibt es eine Art Hirasawa-Fest, bei dem Exponate ausgestellt werden und bei dem man Fanarts käuflich erwerben kann. Die Fans mit denen ich mich dort unterhalten konnte, waren aufmerksam, interessiert und sehr freundlich. Ich werde die Chance natürlich nutzen und erneut hinfahren.

Bestes Spielzeug an diesem Nachmittag - die Laserharfe von Hirasawa. Bei Berührung ertönt Musik.

Bestes Spielzeug an diesem Nachmittag – die Laserharfe von Hirasawa. Bei Berührung ertönt Musik.

Heute bedanke ich mich erstmal für diesen wunderbaren Nachmittag. Auch an den Vortrag-Haltenden, der so viel erzählt hat, dass ich nicht mal mehr die Hälfte zusammen bekommen würde.
Mein Tischnachbar meinte zu mir: “Wahnsinn, wie du aus Deutschland hier her kommst, gleich am Tag der Ankunft zu seinem Konzert gehst, jetzt hier an diesem Event teilnimmst und dadurch so viel Erfahrung sammelst. Das muss diese Kraft der Musik sein, von der alle immer reden.”

Ich denke, er hat Recht.

IMG_20141101_142911

Hinterlasse einen Kommentar »

Imoto-chan, Arigatou.

Eine kleine Anekdote aus meinem japanischen Alltag, die mich nachdenklich stimmt.

In unserem Zimmer schläft hinter einer Schrank-Kommoden-Schreibtisch-Konstellation der jüngere Bruder. Ich und meine Schwester teilen uns einen Schlafbereich, sie hat das Doppelbett nach oben, ich liege da drunter. Japanische Häuser sind sehr eng, deshalb muss man sich arrangieren. Aber als ich 16 Jahre alt war, haben wir schon ähnlich gewohnt, ich bin also sehr zufrieden mit dieser Situation. Manchmal haben wir noch vierte Mitbewohner in Form von Kakerlaken. Da haue ich dann meist beherzt mit der Zeitung drauf. Weil der Rest sich vor den Krabbelkäfern fürchtet.

Jeden Abend, wenn meine Schwester spät vom Lernen heimkommt, liegt sie noch im Bett über mir, stellt Fragen zu ihren Englisch-Hausaufgaben oder wir erzählen uns kurz, was wir erlebt haben. Als ich 16 Jahre alt war haben wir das ständig gemacht, da war sie noch 9 und lag mit mir in einem Bett. Manchmal schliefen wir sogar so ein. Das störte mich überhaupt nicht.
Heute ist sie nur noch unterwegs und lernt jeden Tag. Meist ist sie so müde, dass unsere abendlichen Gespräche nur 5 Minuten lang sind.

Gestern Abend war es ähnlich, ich las noch in meinem Buch, sie verabschiedte sich schon mit ihrem niedlichen “Gute Nacht” auf Deutsch mit japanischem Akzent.
Nur 10 Minuten später hörte ich sie plötzlich im Schlaf reden, eher weinen, leise wimmern. Einen Moment war ich komplett verunsichert und wusste nicht, ob ich sie wecken sollte. Gerade, als ich mich so sehr sorgte, dass ich nach ihr sehen wollte, war sie ruhig und schlief weiter.

Sie hat durch die anstehenden Uni-Eingangsprüfungen so viel Stress, dass sie wahrscheinlich oft Alpträume hat und schlecht schläft. Als sie ruhig war, wurde ich auch langsam müde.
Irgendwann legte ich dann mein Buch zur Seite und schlief ein.
Sofort kam der Albtraum jedoch auch zu mir. Ich träumte davon, zurück in Deutschland zu sein, ich wusste nicht wieso, aber es fühlte sich im Traum so real an und ich war mir auch bewusst, dass das nicht richtig sein konnte. Ich müsste ja in Tokyo leben und Arbeit suchen. Im Traum hatte ich solche Angst, dass mein Visa verfallen würde, dass ich nicht mehr zurück konnte und das ich aus unerklärlichen Gründen für immer in Deutschland bleiben müsste, sodass ich schweißgebadet aufwachte und halb schlaftrunken in meinem japanischen Bett stand. Ich brauchte wirklich ein paar Minuten, um zu realisieren, dass ich nur geträumt hatte und mich noch immer in Tokyo befand. Draußen rauschten ein paar nächtliche Autos vorbei, die grelle Straßenbeleuchtung bohrte sich durch die dichten Gardinen vor dem Fenster. Das war Adachi-ku, das war Tokyo. Meine Erleichterung war ungemein.
Über mir hörte ich den leisen, stetigen Atem meiner schlafenden Schwester. Allein durch ihre Anwesenheit war ich so beruhigt, dass ich sofort wieder einschlafen konnte. Ich wusste, ich war nicht allein. Ich wusste, ich war in Japan und würde es vorerst bleiben. Der Rest der Nacht verlief traumlos.

Jetzt ist es schon wieder Abend, gerade kommt meine Schwester heim und meint, sie müsse mir unbedingt etwas erzählen. Wir haben uns den ganzen Tag noch nicht gesehen, sie steht morgens vor mir auf, aber geht nach mir ins Bett. Nun steht sie vor mir, immer noch in ihrer Schuluniform, ihre schwarzen Haare ordentlich zusammen gebunden. Sie hat sich nicht mal die Zeit genommen, sich umzuziehen. So wichtig ist ihre Ansprache. Ihre Augen sind geweitet, sie erzählt schnell und ich kann ihr trotzdem folgen.

“Ich hab gestern Nacht geträumt, ich würde irgendwie fallen, ich hatte so viel Angst im Traum, irgendwie wusste ich nicht, wo ich bin. Ich wollte deinen Namen rufen, Rika-chan, Rika-chan, aber irgendwie konnte ich das nicht mehr. Dann bin ich zum Glück kurz aufgewacht und habe bemerkt, wie du gerade dein Buch weggelegt hast und das Licht ausgemacht hast. Da wusste ich, dass du noch da warst und mir ging es sofort besser.”

Sie lächelt, dreht sich um und verschwindet zufrieden im Bad. Das ist ihre Art und Weise, mir ihre Zuneigung zu zeigen. Sie umarmt mich nie. Das hat sie als Kind gemacht. Jetzt ist sie eine erwachsene Japanerin.
Mir stehen Tränen in den Augen. Denn sie hat mir mehr oder weniger gestern Nacht durch ihre Anwesenheit den gleichen Gefallen getan. Wäre sie nicht da gewesen, hätte ich vielleicht nur schwer wieder einschlafen können.
Wir haben beide Stress, auf unterschiedliche Art und Weise und können uns irgendwie doch nicht helfen. Das macht mich etwas traurig.

Jedoch ist mir eins klar geworden – Wir beide sind Schwestern. Obwohl wir in unterschiedlichen Ländern geboren wurden. Intuitiv verstehen wir uns. Ich weiß, ich kann mich auf sie verlassen. Und ich glaube, sie weiß, dass sie auch auf mich zählen kann. Selbst, wenn wir heute wieder schlecht schlafen sollten. Die Eine wird schon auf die Andere aufpassen.

Hinterlasse einen Kommentar »

Sonntags-Ausflug

Hallo, liebe Leser. Es wird langsam Herbst, wie geht es euch?
Gerade habe ich an euch meine neusten Japanisch-Kenntnisse auf Deutsch ausprobiert – Kigo, das sind saisonale Grüße, die man zu Beginn eines jeden Briefes schreibt. Aber ich schreib ja keinen Brief, sondern einen Blog und spar mir deshalb ab jetzt die Höflichkeiten. Gott sei Dank.

Denn damit plage ich mich schon den ganzen Tag herum – auch wenn das Lernen Spaß macht, es strengt an, wenn keiner kontrolliert. Ich schreibe Bewerbungen, Geschäftsbriefe und Dankesmails in Japanisch und das erfordert meine vollste Konzentration und geht zu 99% in die Hose. Als Ausländer kann man hier noch so lange gelebt und gelernt haben, ich glaube diese Stufe zwischen “Formal höflich indirekt” und “Formal höflich direkt” verstehen nur Japaner.
Das finde ich aber auch in Ordnung. Man muss seine Gaijin-Nase nicht in jeden Winkel der japanischen Kultur stecken. Man kann es auch gar nicht. Hier gibt es so viel, was man intuitiv lernen muss und aus keinem Buch erlesen kann. Das sage ich als jemand, der sowieso schon immer auf Grammatik geschissen hat, aber auf Lexik pocht. Als die ideale Linguistin, so to say. Manches muss man intuitiv lernen. Und manches wird man nie lernen. Außer man möchte hier arbeiten und will ordentliche Bewerbungen schreiben. Dann sollte man nochmal überdenken, was man so in seinem Blog herum tönt.

Gestern hatte meine Familie nach langer Zeit mal wieder frei. Meine Mutter musste nur eine halbe Stunde zur Arbeit (immerhin!), während  mein Vater den ganzen Sonntag entspannen durfte. Das galt natürlich nicht für die Geschwister. Die Jüngste musste ihren Universitäts-Vorprüfungtest schreiben, der Bruder musste Englisch bestehen und die mittlere Schwester kam mit uns mit, sie hatte Abends einen Cheerleading-Auftritt, dem wir beiwohnen würden.
Zu viert fuhren wir also mit dem Auto nach Saitama, Omiya, luden die Mutti bei ihrer Arbeit ab und gingen dann zu dritt shoppen. Also, meine Schwester shoppte, ich beriet sie in Farbe und Schnitt und Papa zahlte. Wir waren ein großartiges Team.

Zwischendurch einfach mal einen Kuchen essen, der aussieht wie der Fuji. So läuft das hier.

Zwischendurch einfach mal einen Kuchen essen, der aussieht wie der Fuji. So läuft das hier.

Dann war die Zeit auch schon wieder rum, die Mutti wurde vor ihrer Arbeit aufgelesen und gemeinsam ging es dann zurück nach Tokyo, zum Apartment der Schwester. Dort luden wir sie ab, denn sie musste sich für ihren Auftritt später besonders kawaii (niedlich) anziehen. Meine Schwester studiert an der berühmtesten Sport-Universität Japans, das macht mich natürlich sehr stolz, aber wer mich kennt, weiß, dass ich für Sport wenig übrig habe.
Dafür aber für Essen um so mehr. Deshalb gings gleich wieder ins Auto, zu einer Bahnhofsgaststätte, wo es wirklich leckere Soba-Nudeln gab und zum Nachtisch ein Eis.

Wirklich gute Soba-Nudeln. Selbst wenn man keinen Hunger hat.

Wirklich gute Soba-Nudeln. Selbst wenn man keinen Hunger hat.

Wir wollten unseren Tag komplett ausfüllen, deshalb wurde das Eis schon auf der Weiterfahrt zu einem Mode-Outlet im Wagen gegessen. Frei kann man ja mal machen, aber deshalb darf man trotzdem nicht die Zeit vertrödeln.
Das Mode-Outlet war nicht wirklich was für mich, es gab eher vernünftige, unauffällige und hübsche Kleidung, nichts mit blutenden Augen oder neon-grellen, beißenden Farben. Aber ich war immer bereit, meine Familie zu begleiten und mit meinem japanischen Papa über die Mode zu lästern. Auch da blieben wir nicht lange. Zu viele Menschen, zu wenig Unterhaltung, nicht die passenden Schuhe.
Gleich fuhren wir weiter nach Chofu City, dort wo das American Football Spiel stattfinden sollte, bei dem meine Schwester cheerleaden würde. Parkplatz gesucht, Karten gekauft, um die Tribüne geschlichen, bis wir vor den Augen meiner Schwester saßen. Keine Fotos gemacht, von Mädchen in kurzen Röcken ist das in Japan immer etwas heikel. Auch wenn man die blonde ausländische Schwester ist.

Ganz aufgeregt und froh dabei zu sein - Ich.

Ganz aufgeregt und froh dabei zu sein – Ich.

Das Spiel selber war nicht so spannend. Also nicht, dass ich Ahnung von Football habe und mich die Regeln interessiert hätten. Gut, man hätte jetzt sagen können – da treten zwei Universitäten mit einem Haufen hübscher, junger japanischer Männer gegeneinander an. Da hätte ich doch was zu gucken gehabt! Aber wer meinen Männer-Geschmack kennt, der weiß, dass ich mich auch dafür nicht so wirklich begeistern konnte. Bier gabs auch nicht. Aber der Abendhimmel war schön.
Was toll war, war eine recht große Gottesanbeterin, die über die Absperrung der Tribüne kletterte. Ich meine – so viel Natur ist man in Tokyo doch gar nicht gewöhnt!

War eine willkommene Abwechslung. Kamakiri auf Japanisch.

War eine willkommene Abwechslung. Kamakiri auf Japanisch.

Irgendwann war das Spiel dann auch vorbei, der Hintern von den harten Bänken wund gesessen und meine Schwester hatte sich lang genug mit den Pompoms niedlich zum Singsang bewegt. Sie fuhr zurück in ihre Wohnung und wir ohne sie nach Hause. Auf dem Heimweg gab es keinen Stau, also waren wir in weniger als einer Stunde beim Supermarkt vor dem heimischen Bahnhof. Schnell noch etwas Sashimi zum Abendessen gekauft, ein bisschen Salat, ein bisschen Nattou und dann zurück in die eigenen vier Wände. Dort warteten auch die daheim gebliebenen Kinder, hatten aber schon ohne uns gegessen.
Mein japanischer Vater, der eigentlich den ganzen Tag nur im Auto gesessen hat, um uns von A nach B zu kutschieren, meinte zufrieden, dass er endlich mal wieder einen schönen freien Tag gehabt hätte. Dazu gab es noch ein paar Bier, ein bisschen Wein und dann war es gegen Mitternacht auch schon wieder Bettzeit. Die Zeit vergeht hier wie im Flug.

Eine gute Sache kann ich jetzt noch berichten – meine Schwester Motoko hat mir gestern auch ihr Pocket Wifi überlassen, sodass ich jetzt immer Internet habe und nie wieder Starbucks sehen muss. Außer wenn ich möchte. Trotzdem will ich das geliehene Gerät nicht allzu beanspruchen und mich deshalb weiterhin auf diese Blogposts beschränken.

Sollte ich jemals irgendwann Arbeit finden, werdet ihr es hier sofort erfahren. Bis dahin erledige ich den japanischen Haushalt meiner Familie. Macht auch mal Spaß.

2 Kommentare »

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 993 Followern an