Meine Reisen

z.Zt. Daueraufenthalt in Japan

Aufarbeitung meiner Reise – Teil 3 – Der Tempel

- März 5, 2012

Für meine erste Nacht in Kyoto hatte Izumi sich eine weitere Überraschung ausgedacht – wir würden in einem buddhistischen Tempel übernachten, dort auch ein Frühstück bekommen und in aller Frühe Sitzmeditation („Zazen“) mit einem Mönch im Tempel durchführen.
Für uns drei Mädchen war das alles eine noch völlig neue Erfahrung – deshalb waren wir auch ziemlich aufgeregt.

Nach der Maiko-Foto-Session fuhren wir mit einem Taxi durch enge Gassen und erreichten im Dunkeln den Eingang eines Tempels. Es regnete und es war mehr als dunkel – stockdunkel um genau zu sein. Ich hatte arge Probleme mit meinen Stiefel über die glitschigen Steine zu gelangen, mein Koffer im Schlepptau erleichterte die Sache nicht gerade…
Mit Mühe und Not schafften wir es und tauschten dort gleich am Eingang die Straßen-Schuhe gegen Haus-Slipper. Für mich eine Wohltat nach dem langen Tag in Stiefeln.
Uns empfing eine ältere japanische Frau, sie wirkte etwas streng und kam gleich zum Geschäftlichen. Wir füllten eine Reservierung aus, bezahlten und bekamen einige Anweisungen.
In einem Tempel herrscht schon sehr früh Nachtruhe, Alkohol etc. ist natürlich auch nicht erlaubt.  Um 21 Uhr sollte jeder im Bett sein, gegen 5:30 Uhr war das Aufstehen geplant.
Wir bedankten uns und bekamen ein sehr großes Zimmer zugewiesen, in dem es einen kleinen Tisch, einen Ofen, Tee und einen Kleiderständer gab. In der Ecke waren Futons, Decken und Kissen für uns bereit gelegt worden.
Mein erster Eindruck? Es war super-kalt. Schweine-kalt um genau zu sein. Es gab nur dünne Papierwände, die gleich nach draußen führten und es war noch immer Winter in Japan. Wir stellten gleich den Ofen an, wurden aber nicht so richtig warm.

Vor dem Schlafengehen beschlossen wir, in ein öffentliches Badehaus, einem „Sento“ einzukehren. Im alten Japan war es nicht üblich, ein eigenes Badezimmer im Haus zu haben und die wenigen Sentos, die man heute noch in Japan findet, sind Überbleibsel dieser Tradition, „sich öffentlich zu waschen“.

Wir suchten erst einen Supermarkt und deckten uns mit Abendessen und Bier ein. Natürlich war das im Tempel nicht erlaubt, aber wann kam man schon mal mit seinen guten Freunden nach Kyoto? 😉 Die Idee kam außerdem von meiner japanischen Freundin, deshalb hatte ich als Ausländer kein schlechtes Gewissen. 🙂

Danach suchten wir das Sento auf – jeder bezahlte an die 6 Euro und dann waren wir schon in einem Vorraum, in dem wir uns ausziehen konnten und unsere Sachen in einem Spind verstauen konnten. Ich bin nicht unbedingt prüde, aber öffentlich Hygiene zu betreiben ist wohl eine Sache, die ich nie so richtig lernen werde. Es gibt ja sogar noch wenige gemischte Bad-Einrichtungen in Japan… Nun gut, hauptsache man wird halt sauber.

Zu dritt gingen wir dann in den eigentlichen Bad-Raum, in dem es kleine Wasserhähne gab, mit kalten und warmen Wasser, vor denen man knien musste. Man bekam eine Schüssel, in welche man Wasser einlassen konnte und sich damit sozusagen „abduschte“. Das Sento, welches wir besuchten, war noch ein ziemlich altes, in den neueren findet man auch kleine Duschen. So mühten wir uns dann also mit dem Schüsselchen und von dem knien taten mir auch schon bald die Beine weh.
Danach ging es noch in das 50° heiße Bad, ich hielt es da nur 10 Minuten aus und sah dann aus wie ein kleiner Krebs.
Trotzdem tat es nach der Kälte im Tempel sehr gut.

Erfrischt und mit Essen im Gepäck ging es dann zurück zum Tempel – dort schlichen wir in unser Zimmer und verbrachten die restliche Zeit bis 21 Uhr mit Essen, Trinken und Plaudern.
Dann rollten wir noch die Futons aus, nah beieinander, damit es warm blieb und kurz vor dem Schlafen stellten wir den Gasofen aus – beim Aufwachen hatte ich einen Eiszapfen an der Nase. Aber mein Körper war unter dem Futon mollig warm geblieben.

Dann ging es los – der Tempel-Komplex war riesig und wir mussten erstmal den Teil ausfindig machen, indem wir die Sitzmeditation durchführen würden. In Pajama und mit unserem Zabuton (Sitzkissen) in der Hand liefen wir verwirrt um 5 Uhr früh umher, bis uns der Mönch entgegen kam und zeigte, wo das Zazen statt finden würde.
Die Berge waren um diese frühe Stunde noch in Nebel gehüllt und sahen wie Gespenster aus, es war totenstill in Kyoto – und sowas ist in Japan selten. Ich werde wohl nie den frühen Morgen im Tempel vergessen – solch eine Stille hatte ich noch nie erlebt.

Die Sitzmeditation selber war eher unspektakulär – der Mönch erzählte uns etwas über die Wichtigkeit des Meditierens und Vergessens von allen Schmerzen und Leiden, er erklärte uns, wie man sich auf einen Punkt konzentrieren konnte und dann gab es einen lauten „Gong“ mit einer mitgebrachten Glocke und wir mussten still sein, aufrecht sitzen und durften nicht die Augen schliessen. Ich konzentrierte mich auf eine Buddha-Statue vor mir – es war auch viel zu kalt, als das man hätte müde werden können.

Das ganze dauerte nicht mal 10 Minuten, dann durften wir schon gehen und das Frühstück wurde uns in einem anderen Zimmer des Tempels serviert.
Buddhistische Mönche essen kein Fleisch – zu meinem Glück. Es gab Reis und Tofu und eingelegtes Gemüse, es gab Seetang und Sojabohnen-Pasten-Suppe mit Pilzen. Das ganze Frühstück war richtig lecker und wir lernten dabei auch noch die anderen Gäste des Tempels kennen – zwei Japanerinnen und ein Mädchen aus Taiwan.

Danach ging es schon wieder weiter – wir packten unsere Sachen und verliessen unsere Unterkunft für eine Nacht. Um 9 Uhr mussten wir schon abreisen. Doch auch an diesem Tag hatten wir schon wieder viel geplant…

Für alle, die auch planen in einem Tempel zu übernachten – ich kann es nur empfehlen. Es ist viel günstiger als ein Hotel (ich habe nur 20 Euro bezahlt), man bekommt Frühstück und ein warmes Bett. Zudem lernt man interessante Leute kennen, vielleicht auch die Familie, die im Tempel wohnt. Um eine Dusche/ein Bad muss man sich selber kümmern, aber das ist in einem Hygiene-liebenden Land wie Japan kein Problem. Die Erfahrung, die man in solch einer Unterkunft macht ist einmalig – die Stille, die Abgeschiedenheit und die Ruhe und Kraft die man dort gewinnen kann. Das sind nicht nur Floskeln. Wenn man einmal aus dem stressigen Strom der japanischen Großstädte entfliehen will, findet man auf jeden Fall einen Ausgleich in einem Tempel. Im Sommer oder Frühling lohnt es sich auf jeden Fall, im Winter sollte man diese Unterkunft eher meiden, wenn man nicht frieren will… 😉

Ich werde meine eine Nacht in Kyoto auf jeden Fall nicht vergessen.

Auf den Fotos bin ich in aller Frühe… 😉

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: