Meine Reisen

z.Zt. Daueraufenthalt in Japan

Mal wieder Moskau. Sie kennen das.

- Oktober 12, 2014

Da bin ich wieder, fast schon zu Hause, mein Handy hat sich automatisch in das Wifi vom Flughafen Sheremetyevo eingeloggt.
Ich bin hier das dritte Mal. Vielleicht sogar schon das vierte Mal? Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen.
Heute haben mich zur Abwechslung mal trüber Nebel und rostbraune Laubbäume begrüßt. Von oben sah das alles noch sehr hübsch aus. Manchmal sehe ich diesen Flughafen auch noch in Schnee gehüllt. In dem Café, wo ich auch schon die letzten Male saß, gibt es wieder irgendwas mit Lachs und Salat und das ist nach dem Mini-Brötchen im Flieger endlich eine vollwertige und willkommene Abwechslung. Ganz ehrlich – das „Frühstück“ war ein Witz. Und ich hoffe, mein Eintrag artet jetzt nicht zu einem Foodblog-Post aus. Aber.. nur ein Brötchen! Und eine kleine Packung zuckersüßer Apfelsaft! Nur weil ich ein vegetarisches Essen bestellt habe, muss die Fluggesellschaft nicht davon ausgehen, dass ich faste.
Vielleicht sitzt das Kleid auch etwas eng, aber man sieht in diesen aneinander gedrängten Flugzeug-Sesseln nun mal nicht vorteilhaft aus. Egal, wie man sich dreht und wendet.

Aber das ist bis jetzt auch das Einzige, worüber ich mich beschweren könnte. Die Stewardessen sind wie immer wahnsinnig hübsch und freundlich, der nette Russe neben mir im Flugzeug hat sich etwas breit gemacht, aber dadurch konnte ich auch nicht vom Platz rutschen. Das sollte alles so sein. Ein paar zuvorkommende Chinesen haben mir beim Koffer aus dem Handgepäck zerren geholfen. Alles in allem, ein angenehmer Flug. Auf dem Rücken trage ich noch ein recht schweren Rucksack, in dem auch mein Laptop verstaut ist, in der Hand halte ich noch meine Kamera-Tasche. Ich fühle mich ein bisschen wie ein Packesel. Und dabei habe ich meinen 31 kg schweren Koffer ja schon in die erfahrenen Hände von Aeroflot gegeben.

Da fiel mir etwas auf, als das Flugzeug gelandet war und die Passagiere schon begierig im Gang standen, um anschließend schnell durch die Gates zu flitzen. Ich saß am Fenster und genoss das trübe Wetter, dass noch ein wenig zu meiner Abschiedsstimmung passte, als ich eine Reinigungsdame sah, die einen Müllsack ordentlich zuschnürte und dann von der oberen Stufe der Einsteigstreppe schubsen wollte, um ihn nicht schleppen zu müssen. So gut verschnürt war der Sack dann doch nicht und der ganze Müll purzelte von der Flugzeugtür über die Treppen bis nach unten. Die Dame zuckte nur resignierend mit den Schultern und machte sich daran, drinnen weiter zu putzen.

Wenn mein Koffer ähnlich behandelt wird, habe ich etwas Angst. Schließlich ist da auch nur ganz viel Müll drin.
Also auf jeden Fall wertlose Klamotten, ziemlich viele Mitbringsel und Handtaschen. Hundertausend Handtaschen. Weil keine Handtasche ja zu meinem Outfit passen wird. Mein Papa hat beim Packen etwas gemeckert. Aber wenn ich ihm jeden Tag ein Foto aus Tokyo schicken kann und immer eine neue Handtasche dabei ins Bild halte, dann wird er sich auch freuen. Ganz bestimmt.

Jetzt sitze ich hier, habe noch 5 Stunden Zeit, bis es weiter geht und versuche weder müde zu werden, noch deprimiert oder traurig. Das ist nicht gerade einfach. Das graue Wetter hier in Moskau lädt dazu ein. „Werd traurig!“ Wie eine große, schwarze Krake will es mich in ein tiefes Loch von Abschiedsstimmung reißen. Aber ich wehre mich dagegen, in dem ich hier schreibe und nebenbei twittere. Dazu schaue ich noch den Livestream von dem Drei-Tage-Konzert, bei dem ich morgen Abend den letzten Tag live erleben kann. Es wartet so viel Gutes auf mich.

Trotzdem.
Ich könnte nicht mal sagen, wie es mir geht, wenn mich jemand fragen würde. Mein Magen ist da immer der beste Auskunftgeber, weil er sich bei Angst und Stress gerne mal jeglicher Nahrung verweigert. Aber ich hatte gerade ein Schoko-Crossaint. Es kann noch nicht so schlimm sein.

Heute früh war es nochmal anstrengend. Für alle Beteiligten. Das gleiche Szenario, wie als ich 16 Jahre alt war. Man denkt, man lernt daraus, man denkt, man wird erwachsen. Man redet sich ein, man ist selbstständig und unabhängig.

Aber dann merkt man auch, dass man immer das Kind seiner Eltern sein wird und das man seine eigene Mama und seinen Papa vermissen wird, egal wie liebevoll die japanische Familie sich um einen kümmert. Und auch wenn man weiß, dass das nur ein Abschied von kurzer Dauer ist, ist es doch ein Abschied und da darf man auch mal ein paar Tränen verdrücken.

Nun sind es nur noch ein paar Stunden, bis ich übernächtigt, ausgelaugt und (ganz bestimmt) mit Magenproblemen in Tokyo ankommen werde. Wie aufregend.
Susumu Hirasawa singt die ganze Zeit  行こうすれ違おう、”愛はいかが?”と (‚Lass uns losgehen und uns dabei mit „Wie wärs mit etwas Liebe?“ grüßen‘) und ich wundere mich über den tieferen Sinn dieses anhaltenden Ohrwurms. Spätestens morgen Abend, wenn ich in Tokyo Shinagawa bin und ihn live auf der Bühne sehen werde, wird sich mir das Ganze erschließen. Oder halt nicht.
Aber dann suche ich weiter.
Ich bin ja noch lange nicht am Ziel.


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