Meine Reisen

z.Zt. Daueraufenthalt in Japan

Ankunft in Japan und HYBRID PHONON

- Oktober 14, 2014

Ich bin gelandet. Und wie.
Kein Taifun, kein Regen. Also hatte ich mal wieder viel Glück gehabt. Beim Einreiseverfahren drückte mir die etwas unfreundliche Beamte (ja, das gibt’s!) meinen Ausweis in die Hand. Auf den bin ich so stolz, da konnte ich über ihre unwirsche Miene sogar hinwegsehen. Beschwingt und voller Motivation verließ ich den Flughafen. Mein Skyliner nach Nippori kam sofort und dort wartete wiederum mein japanischer Papa, der mich und meine unmöglich schweren Gepäckstücke einsackte. Schnell nach Hause, Oma begrüßt, Gepäck abgestellt. Das geht in Japan zum Glück immer alles ganz schnell. Man hat nicht diese ganze Wiedersehensemotionalität, das Gedrücke und Geknutsche. Man nickt nur kurz und das war’s.

„Bin wieder da.“

Ehrlich, ich mag das.

Vielleicht.

Naja, fragt mich in einem Jahr nochmal, was ich an Deutschland vermisse.

Dann, wieder schnell ins Auto und noch ein Stück gefahren, bis zum nächsten Udon-Laden. Dadurch, dass ich übernächtigt und ungeduscht war, habe ich auch keine Fotos gemacht. Es war für mich schon anstrengend genug, das leckere Essen in einer sauberen Umgebung einzunehmen, wenn man selber noch ganz versifft von dem langen Flug ist. (In Japan versifft sein ist ein No-go.)

Udon, das sind japanische Nudeln, die man kalt oder warm genießen kann und die man mit Tempura, fritiertem Gemüse oder Fisch zu sich nimmt. Nach der etwas traurigen Essensauswahl an Bord der Aeroflot-Maschine genau das Richtige. Schnell inhaliert und dann wieder heim. Geduscht, wie ein neuer Mensch gefühlt und aufgebrezelt. Und sofort wieder zum Bahnhof. Ich hatte nicht mal Zeit, kurz Luft zu holen. Aber ich kenne den Weg, ich muss nicht mal nachschauen, wie ich zur Halle komme. Von Yatsuka bis nach Ueno. Selbst die Ansagen im Zug werden noch von der gleichen niedlichen Frauenstimmt gemacht.

Das Konzert heute findet genau neben meiner ehemaligen Schule statt, ich fahre also meinen Schulweg, um dort hin zu gelangen. Im ruhigen, überfüllt-warmen Zug schlafe ich fast ein. So fest, dass mich wirklich nur die Ansage „Nächste Station Ueno“ aus dem Schlaf reist.

Ich springe auf, steige um, in die Yamanote-Linie und bin nicht der Meinung, heute erst angekommen zu sein. Ich wohne hier schon immer. Alles ist so vertraut, viel vertrauter als in Berlin. Die Werbung an den Zugtüren, die ruhigen, vorsichtigen Menschen, die sich langsam neben einen setzen, der Duft nach Soja und Seife. Alles sauber, alles übersichtlich und nichts ist gefährlich.

Dann Shinagawa. Ich kenne das Hotel, ich laufe langsam darauf zu, will aber trotzdem gerne mein Japanisch anbringen und versichere mich bei einem Mädchen, dass auch so aussieht, als hätte es das gleiche Ziel, ob ich denn richtig sei. Ich weiß, ich mache dabei Fehler, aber ich genieße es, immer wieder zu üben. Vielleicht klappt es ja beim hundertsten Mal. Sie nickt, versteht mich und lächelt.

Punktlandung.

Ich stelle mich für das Merchandise an, ordentlich in Reihe und Glied, ein japanischer Angestellter im schicken Anzug weist uns ein, immer nur 10 Leute in den kleinen Raum, in dem die CDs und DVDs des Künstlers ausgestellt sind. Mein Herz schlägt schneller. Es wird wahr, es wird endlich wahr. Fehlt nur noch das Ticket.

In meiner Verzweiflung, diesen Künstler unbedingt live sehen zu wollen, habe ich mich im Fanclub (gebührenpflichtig) angemeldet, um dann später mitzubekommen, dass trotzdem alle Konzertkarten ausverkauft sind. Dann rettete mich, wie so oft, Twitter. Ein User bat mir seine übrig-gebliebene Karte an. Nr. 1180, eine recht schlechte Nummer, wenn man nacheinander aufgerufen wird, bei etwa 2000 Gästen.
Aber für mich gerade recht, denn ich bin so groß, mir ist es mehr als unangenehm, wenn ich in der ersten Reihe den Japanern den Blick versperre.
Zurück zum Merch, ich kaufe die halbe Belegschaft leer, zücke freudig mein Portmonee und schicke ein kurzes Dankegebet an meine Arbeitgeber in Potsdam, deren Geld nun hier, in japanische Yen, für Schirm, Anstecker, Handtuch und anderen schönen Schnulli flöten geht. (Für Hirasawa-Fans: Es gab Halycon-Anstecker. Wer hätte da „Nein“ sagen können?)

Dann wieder raus, am verabredeten Ort (ein großes Karussell) spricht mich ein junger Japaner an,
„Sind sie Rika-san?“
„Und sind sie meine Eintrittskarte?“ Gesagt. Getan.
Ich krieg die Karte noch günstiger, als im Internet und verschachere das übrig gebliebene Geld nach dem Konzert für einen weiteren Anstecker. Man lebt ja nur einmal.

Die neue Bekanntschaft verabschiedet sich von mir, er hat eine bessere Nummer gezogen und darf schon eher rein. Inzwischen werden alle übrigen Konzertbesucher in einen kleinen Raum sortiert. Unglaublich, was man in Japan alles schafft. Das Konzert befindet sich mitten in einem gut besuchten Zentrum, zwischen Shopping-Center und Hotel ist kein Platz für 2000 Leute. Das wissen auch die Japaner, deshalb werden wir in Nummern aufgeteilt, in einem naheliegenden Raum gruppiert und dann einzeln durch einen Untergang zum Konzerthaus geleitet. Das sind nochmal 50 Meter. Niemand rennt, jeder hält sich an seine Nummer. Genial.

Neben mir ein Mädchen aus Ehime, mit dem ich mich schnell anfreunde. Die erste Frage ist immer „Und was liebst du so an diesem Sänger/dieser Band?“

Ich liebe Susumu Hirasawa schon seit ich 14 bin, damals bin ich durch den Berserk-Anime-Soundtrack auf ihn aufmerksam geworden. Nun, wo ich auch alle anderen Bands höre, die in die Richtung New Wave / Chip Pop / Elektro Rock gehen, gehört Hirasawa-san für mich genau so dazu wie FLOPPY, Metronome und ADAPTER. Und Hirasawa-san ist in Japan das Vorbild für diese Art von Musik. Gestern Abend war es dann auch so, dass von genau diesen anderen genannten Bands Mitglieder im Publikum waren, die Hirasawa-san live erleben wollten. Tokyo ist ja so klein.

Dafür die Konzert-Halle riesig. Ich war kurz überwältigt. Man sieht mein überwältigtes Gesicht wahrscheinlich auch auf der DVD, die gestern aufgezeichnet wurde, denn als Fanclub-only Veranstaltung war ich die einzige Ausländerin. Noch ein kurzes Gespräch über deutsche Würstchen mit meiner neuen Freundin aus Ehime, dann begann schon die Show meines Lebens.

Vielleicht war ich durch die Übermüdung etwas vernebelt im Kopf, wahrscheinlich war ich auch einfach nur sehr aufgekratzt durch den Schlafmangel, aber ich konnte mich schon beim ersten Lied kaum noch vor Freude halten. Auf diesen Moment hatte ich aber auch seit ich 14 Jahre alt war gewartet. Da durfte man hysterisch sein. Ich hatte ja zum Glück ein Handtuch gekauft, in das ich verzückt seufzen konnte. Das Publikum ging aber genau so mit, deshalb sollte es wohl so sein.

Der 60-jährige Susumu Hiraswa legte eine atemberaubende Show hin, bei dem man ihm sein Alter gar nicht ansah. (Außer an dem Umstand, dass er sein Neustem weiß gefärbtes Haar hat, aber diese Diskussion der Fans kann auch Twitter entnommen werden!) Er und sein Partner Pevo setzten Laserharfen, Teslaspulen und LED-Bildschirme ein, Hirasawa-san spielte sogar sehr alte Lieder, bei denen es bei den Fans kein Halten mehr gab. Ich sang vielleicht wieder viel zu laut mit. Aber das war mir ein Bedürfnis.

Nach zwei Stunden war das ganze Spektakel vorbei, Hirasawa-san sagte noch zu uns „Bitte meldet euch, wenn ihr nicht nach Hause wollt.“ Und es meldeten sich natürlich alle. Seine trockene Antwort: „Ab nach Hause mit euch!“

Schweren Herzens und ziemlich durchgeschwitzt verließen die 2000 Zuschauer erneut diszipliniert und geordnet die Halle. Ich verabschiedete mich von meiner neuen Bekanntschaft und bemerkte erst jetzt, dass es doch noch einen Taifun gab, der auf mich wartete. Im strömenden Regen, aber vorbereitet mit Schirm, stapfte ich nach Hause. Dort wartete schon meine ganze Familie, Papa, Mama und meine drei Geschwister auf mich, um mich und meine Geschenke in Empfang nehmen zu können.

Fast hätte ich geweint. Aber in Japan macht man sowas nicht.

Stattdessen gabs ein Wiedersehens-Bier mit dem Papa, die Gespräche wie immer über Uni und Arbeit und ich wusste, dass ich eigentlich nie weg gewesen war. Motoko, meine jüngere Schwester gab mir dann noch ihr Handy. „Ich hab dir schon alles eingerichtet, Rika. Deine Mail-Adresse und deine Nummer erfährst du im Hauptmenü. Du bist als „Rika Sakurai“ eingespeichert.“

Genau. Das bin ich.

(PS. Eigentlich gibt es für diesen Eintrag unzählige Fotos, aber das schlechte geklaute Internet vom Nachbarn lässt das grad nicht zu.)


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