Meine Reisen

z.Zt. Daueraufenthalt in Japan

Jobsuche und „I am Computer Music“

- Oktober 19, 2014

Da bin ich wieder, ich melde mich aus den Untiefen des Ohne-Internet-Seins. Starbucks habe ich inzwischen so satt, dass ich sogar auf das Wifi verzichten kann. Nie wieder Kaffee. Nie wieder Matcha Grüntee Latte. Nie wieder Karamel irgendwas. Dazu bin ich doch nicht nach Japan gekommen!

Von meinen abgeschickten Bewerbungen kam bis jetzt weder Anruf noch Mail noch sonst irgendwas. Deshalb lohnt es auch gar nicht, ins Internet zu gehen. Also mache ich mich auch nicht weiter fertig. Ich sollte mich niedergeschlagen fühlen. Aber das mache ich natürlich nicht. „Maemuki“ nennt man das hier, „nach vorne schauen“.

Am Freitagnachmittag habe ich mich erst mal auf japanische Trink-Kultur eingestellt und ein paar Gläser Bier im Izakaya, in einer typisch japanischen Kneipe geleert. Abends kam dann noch ein Anruf von einem Freund, der früher bei einer Bank gearbeitet hat – er wird mich im Laufe der kommenden Woche begleiten und mir dabei helfen, vielleicht doch noch ein Konto zu bekommen. Ein Dank geht hier wieder an meinen englischen Freund Chris, der mir diesen Kontakt ermöglicht hat. Ich bin wirklich dankbar, dass ich so viel Unterstützung bekomme.

Nach diesem Anruf und drei Asahi ging es mir dann erheblich besser, zu Hause wartete zusätzlich mein Gastvater mit Shochu, japanischem Sake und dann konnte ich auch erst mal sorglos einschlafen. Ich passe mich hier schnell dem japanischen Leben an – Stress wird einfach weggetrunken.

Gestern stand ich dann früh auf, am Wochenende ist meine kleine Schwester immer noch eine Weile da, sodass wir zusammen frühstücken können. Während sie Englisch lernt, tippe ich diesen Blog. Ab- und zu schaue ich rüber und sehe, wie sie alles richtig macht und wie gut ihre Aussprache ist. Dann bin ich sehr stolz. Sie ist halt mein Lieblingskind.

Auch wenn sich bis jetzt noch nichts ergeben hat, ich habe das Gefühl, ich bin nicht allein. Jeder bietet mir hier Hilfe an, nicht nur meine Familie, auch meine Freunde machen mir Mut. „Wenn es irgendetwas gibt, was wir für dich tun können…“ heißt es da. Selbst Menschen, die ich nicht so gut kenne, wollen mich ständig unterstützen. Letztens bat mir jemand auf der Straße einfach sein Pocket Wifi an. Natürlich habe ich das nicht angenommen. Aber ich wüsste, ich hätte es ohne weiteres benutzen können. Japaner sind so wunderbar. In gewisser Weise sehr selbstlos und auf jeden Fall verlässlich. Ich hätte wahrscheinlich schon das Handtuch geworfen, wäre ich hier komplett allein aufgeschlagen.
Aber noch geht es mir gut. Und von der kommenden Woche verspreche ich mir viel.

Morgen düse ich erst mal zum Job Center für Ausländer in Shinjuku. Dienstag habe ich ein Bewerbungsgespräch bei der Arbeitsstelle meiner Mutter. Mittwoch oder Donnerstag dann endlich die Bank. Vielleicht habe ich sogar schon Ende dieser Woche eine anständige Internet-Verbindung. Man wird ja noch träumen dürfen.

Bis dahin genieße ich noch ein wenig. Gestern Abend war ich in Shinjuku, für ein Konzert von meiner Lieblingsband „Floppy“. Live habe ich sie noch nie erlebt und deshalb war das für mich gestern ein besonderes Highlight. Meine beste Freundin, die gleich um die Ecke vom Konzerthaus arbeitete, überraschte mich noch nach Feierabend, als ich schon für den Einlass anstand. Als sie mir von weitem entgegen kam, standen mir Tränen in den Augen. Mitten in der Stadt, in Tokyo war mir das mehr als peinlich. Ich kenne sie seit ich 16 bin, damals, als ich noch Schülerin war, haben wir fast jeden Tag zusammen irgendwas unternommen. Und noch immer treffen wir uns, wenn ich in Japan bin, immer kümmert sie sich um mich oder hilft mir, wenn ich etwas nicht verstehe. Sie kommt nicht mit rein in die Halle, sie wartet, bis ich aufgerufen werde und fährt dann den langen Weg von Shinjuku bis Chiba nach Hause. Ich winke zum Abschied und verschwinde dann im Keller eines weißen, pompösen Gebäudes.

Das Shinjuku Loft war geräumiger als die meisten Konzerthallen, die ich bis jetzt in Japan besucht habe. Es gab sogar Schließfächer, in denen ich meinen Krempel verstauen konnte, das war besonders praktisch nachdem ich erneut die Hälfte des Merchandise-Standes leer gekauft hatte. Meine Freundin Tarama schrieb mir vor dem Konzert noch „Pass bloss auf, bei Floppy gibt’s so tolle Sachen.“

Diese Warnung hat mich natürlich nicht abgeschreckt und jetzt sitz ich hier auf Schmuckbox, Spiegel, Schlüsselanhänger, Armband und CD. Aber das war es mir wert. Glaube ich jedenfalls.

Die Halle war gut besucht und das Publikum war gemischt. Neben Floppy-Fans fanden sich auch etwas ältere Herrschaften, die für den zweiten Live-Gig gekommen waren.
Die Sängerin nach Floppy war eine etwas pummelige, in Lolita-Kleidern gehüllte lallende Sängerin mit ausdrucksstarker Stimme, aber sehr langsamer Zunge. Sie entschuldigte sich für ihren Alkohol-Konsum und das Publikum war etwas betreten. Ob das ihr Image war oder sie sich unabsichtlich besoffen auf die Bühne gesetzt hat, weiß ich nicht. Ich war amüsiert, denn was sie erzählte war wirklich feinster, besoffener Müll. Aber das Publikum klatschte nur verlegen, ab und zu hustete jemand unangenehm laut. Irgendwann nahm ich dann auch den Sänger von Floppy neben mir wahr, der sich die Liveshow nach ihm nicht entgehen lassen wollte. Ein bisschen hatte ich damit gerechnet, deshalb stand ich immer ganz hinten, gleich neben dem Ausgang. Trotzdem war ich dann ziemlich aufgeregt, als der 4 Zentimer größere (!) blonde Japaner neben mir stand. Mein Fangirl-Herz schlug höher, anmerken lassen habe ich mir nichts. Ich bin ja professionell. 😛
Floppy sind ähnlich wie Susumu Hiraswa New Wave/Punk/Chip Rock Musiker. Der Sänger, ein großer Fan von Kraftwerk, legte mit „I am Computer Music“ sogar ein kraftwerk-ähnliches Stück hin, wobei die ganze Menge mitging. Ich fand es wunderbar. Wie immer stand ich ganz hinten, aber ließ mich deshalb nicht weniger mitreißen. Nach dem Konzert besuchte ich noch einmal den Merchandise Stand und verließ dann die Halle.

Nachts durch Shinjuku ist immer so eine Sache.

Vor allem, wenn sich das pompöse weiße Gebäude über der Konzerthalle als Hostclub entpuppt. Sofort wird man angequatscht (da gibt es auch keine Sprachhemmungen) ob man den nicht Lust hat, mit den Jungs was trinken zu gehen. Das sind zwar alles hübsche, junge Kerle, aber die wollen für das Trinken bezahlt werden. Shinjuku ist auch immer ein bisschen Rotlichtviertel. Angst habe ich als 180 cm große, blonde Ausländerin nicht. Aber das Angequatsche ist natürlich lästig.

Ich lehne freundlich ab und spurte zum Bahnhof, meine Familie wartet ja auch schon zu Hause.

Heute hab ich nochmal frei und werde mich in ein paar Minuten nach Harajuku begeben. Meine Haare wollen geschnitten werden und ich habe dort meinen Stammfrisör, der immer frei ist und von dem ich fast annehmen muss, dass er nur auf mich wartet.

Mein Bruder wird auch gerade wach, an seinem Wasser-Konsum kann ich erkennen, dass es bei ihm gestern Abend auch spät wurde.

Nun dann, auf einen neuen Tag in Tokyo.

 

 

(Wie immer hundertausend Fotos, die ich nicht hochladen kann. Sumimasen.)

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