Meine Reisen

z.Zt. Daueraufenthalt in Japan

Ein Job und dadurch etwas Zuversicht.

- Oktober 23, 2014

Heute kann ich sehr zufriedenstellend berichten. Denn ich habe einen Nebenjob. Und das beruhigt schon mal ein wenig.
Beginnen wir damit, dass ich diesen Nebenjob vom „Hello Work“ Center in Shinjuku vorgeschlagen bekommen habe und auch genau dort einen Termin für ein Vorstellungsgespräch ausgemacht habe. Das heißt „Mensetsu“ im Japanischen, ein Wort, dass ich mir gleich gemerkt habe, da ich es bestimmt ab jetzt noch öfter gebrauchen werde. (Heute habe ich dieses Wort 18 Mal verwendet. Mensetsu, Mensetsu, Mensetsu)

Also fuhr ich heut nach „Akabane“, der Ort in dem das Gespräch stattfinden sollte. Viel zu früh war ich da, 18 Uhr sollte es erst losgehen, ich trudelte (Dyskalkulie sei Dank) schon 16 Uhr ein.
Was sich aber nicht als Fehler herausstellen sollte, denn der Ort war sehr schwer zu finden. So schwer, dass mich mehrere Japaner in die komplett falsche Richtung schickten. Eine Dame in einem Cafe war so freundlich, mich bis vor das falsche Gebäude zu begleiten. „Hier ist es!“, sagte sie freudestrahlend und ich bedankte mich, typisch Japanisch, in dem Wissen, dass es komplett falsch war. So wird man halt, wenn man hier eine Weile lebt.

So habe ich heute also ein bisschen Akabane erkundet. Das ist von Ueno ein paar Stationen weiter, es gibt gleich am schicken, gepflegten Bahnhof viele schöne Geschäfte, eine Einkaufstraße und nette Polizisten, die mich auch in die Irre geführt haben. Meine Familie sagt „Ein runtergekommener Ort“. Ich kann das so schlecht einschätzen, ich find Tokyo überall schön. (Das ist diese rosarote Brille, von der alle immer reden!)

Irgendwann hatte ich es dann Leid, ging in einen Laden, bestellte mir ein Kaffee, las mein Buch und wartete darauf, dass es kurz vor 18 Uhr war. Dann suchte ich noch einmal, auf eigene Faust mit meinem Internet-fähigen Handy, geliehen von meiner Schwester – und fand das Gebäude sogar. Alles muss man selber machen.
Das Ganze war aber so unscheinbar, dass ich den Japanern, die mich liebevoll aber gänzlich verwirrt hatten nicht mal böse sein konnte.
Mit dem Aufzug gings in den 6. Stock, ganz leise und bedächtig, sodass ich fast annehmen musste, dass sich der Fahrstuhl gar nicht bewegte. Bling! Und schon war ich da. Typische japanische Büroräume – alles klein, alles eng, sehr sauber und sortiert. Die Dame am Empfang erinnerte sich an unser Telefongespräch und wies mich zu einem kleinen Klapptisch neben dem Fahrstuhl. Sie war hübsch und hatte eine tolle, modische Bluse an. Sie brachte mir Tee und machte mir ein Kompliment zu meiner Tasche. Die ist ja auch schick, dessen waren wir uns einig.

Etwas angespannt war ich schon, schließlich musste ich gleich Deutsch unterrichten. Aber irgendwie hatte ich auch komplett die Ruhe weg und fror nur ein bisschen vor mich hin. Ein komisches Gefühl, während ich meinen Tee schlürfte. So „halbgar“ fühle ich mich seit meiner Ankunft. Ich schwebe in der Luft und hab ständig Angst zu fallen. Aber diese Angst hatte ich auch schon in Deutschland. Ich habe eine innere Angst einfach mit an einen fremden Ort genommen.

Dann spricht man mich an.
Zwei ältere Herren (was sonst!) wurden mir zugewiesen und ich begab mich mit ihnen in einen kleinen Raum, der bestimmt auch Klassenraum wird, wenn es zum Sprachunterricht kommt.
An der Wand hing ein verschmiertes Whiteboard, neben dem Fenster ausgeblichene japanische Poster, die auf Japanisch aufforderten, dass man Fremdsprachen lernen sollte. Aha.
Mein Gesprächspartner war ein bebrillter, netter Mann, ich überreiche meinen USB-Stick und bitte, mein Resume auszudrucken. Ich gebe vor, keinen Drucker zu besitzen und verschweige dabei, dass mir das Drucken im Kombini einfach zu teuer ist. Ich fühle mich dabei irgendwie listig, lächel aber unschuldig.
Der nette Herr macht sich sofort an die Arbeit, erwartet ein paar englische Blätter und ist angenehm überrascht, als er meinen Lebenslauf auf Japanisch vorfindet.
Dann gehen wir zurück in den kleinen Klassenraum, setzen uns hin, tauschen die üblichen Höflichkeitsfloskeln aus.
Er geht meinen Lebenslauf durch und fragt welche Schule sich wo befindet und ist erstaunt über meine kurze Arbeitszeit beim Glastonbury Festival. Sofort knüpfe ich dort an.
Er liebt Rockmusik und kennt das Festival, ich versichere ihm, wie sehr ich Anzen Chitai mag, eine alte japanische Rockband und sofort sind wir auf einer Wellenlänge. Kurz reden wir auch über Animes, ich präsentiere ein Beispiel davon, wie ich den Deutschunterricht führen würde (auf Japanisch, wie unpädagogisch) und er verzeichnet unter meinem Lebenslauf in Handschrift „ausnahmslos gutes Japanisch“.

Er meint abschließend „Mit ihrem guten Japanisch wird kein Schüler Angst haben müssen, wenn er Deutsch nicht versteht. Sie können dann immer noch eingreifen.“
Das ist zwar nicht Sinn und Zweck eines guten Deutschunterrichts, aber ich pflichte ihm bei. Weil ich das muss. Wir bedanken uns gegenseitig, tauschen erneut Höflichkeiten aus, ich werde bis zum Fahrstuhl begleitet.
Das Ding ist also beschlossen, ich bin angestellt. Man wird mich zu Firmen schicken, wo Deutsch-Lern-Bedarf besteht oder ich werde Privatunterricht in diesen kleinen, gemütlichen Büro-Räumen geben. Beim Abschied verneige ich mich genau so wie mein Gesprächspartner vor den sich schließenden Fahrstuhl-Türen. Eine kleine Hürde ist geschafft.
Bravo! will man jetzt sagen. Toll gemacht!

Aber ich muss da noch etwas realistischer rangehen. Ich werde nur auf Abruf bereit stehen, ich bekomme 2000 Yen die Stunde und es ist kein fester Job, der mein Visa verlängert. Es ist ein guter Einstieg, wenn es funktioniert, zudem hat mir dieses kurze Gespräch sehr viel Selbstvertrauen gegeben (und das hab ich grad nötig). Was ich mir vorstelle, ist es jedoch nicht. Deshalb kann man mir heute schon zuprosten, aber bitte nicht zu überschwänglich. Was sich heute beschlossen hat, ist kein festes Einkommen und damit keine Lösung meiner kommenden Geldprobleme.
Denn mein Bargeld reicht vielleicht noch bis Mitte November. Und ab dann weiß ich sowieso erstmal nicht weiter. (Hier darf man dramatische Musik einfügen!)

ABER bleiben wir optimistisch. Und sehen wir diesen kleinen Erfolg als den an, der er ist. Das schreibe ich hier auch, um mich selber daran zu erinnern.
Manche haben ja meine vom Zweifel geplagten Blogeinträge verfolgt. Vielleicht nicht hier. Vielleicht auf anderen Seiten. Die letzten Tage waren immer ein Auf- und Ab. Ich bin glücklich hier zu sein und will es bleiben. Dabei gebe ich mir die größte Mühe, schnell ins Arbeitsleben zu kommen und die Ausgaben klein zu halten.

Was ich zum Beispiel mache? Ich faste. Seit ich hier bin.
Das hat zwei Gründe.
Ein Grund wäre, dass Susumu Hirasawa das auch macht und ich finde alles cool, was Susumu Hirasawa macht. Und mit 60 Jahren sieht er blendend aus, da muss doch was dran sein, wenn er das ständig auf sich nimmt.
Der zweite Grund ist pragmatischer – ich spare Geld. Früh esse ich mein Frühstück (eine Schüssel Reis mit Sojabohnen), im Starbucks klammer ich mich stundenlang an einen Kaffee und abends esse ich dann noch die Hälfte von dem, was meine Mutter mir vorsetzt (heute war das Makrele mit Reis, Miso-Suppe und Pilzgemüse). Zu viel Essen strengt ja auch an. Und lässt mich schwer nachdenken.
Ich rede mir das grad schön. „Iiwake“ nennt man das hier. Habe ich heute auch gelernt. (Iiwake, Iiwake, Iiwake)
Ganz ehrlich, es fällt mir schwer, in diesem Delikatessen-Land solch einen Unsinn durchzuziehen. Aber ich merke, wie ich meinen Geldbeutel schone und noch ein bisschen Zeit herausschinden kann. Ohne japanisches Konto und ohne funktionierende Visa-Karte ist es schwer, auf andere Geldquellen zu hoffen, als darauf, dass ich selber nicht bald verdiene.

Das setzt mich nach wie vor unter Druck. Aber die Zusage heute ist auch eine Zusage darauf, dass ich in Japan Arbeit finden kann. Mein Japanisch scheint auszureichen. Ich wische mir gerade ein paar Schweißtropfen von der Stirn.
Morgen früh muss ich dann um 9:45 Uhr in Tokyo sein. Erneut begleiten mich nette Herren in eine Bank. Das hier ist eine Männergesellschaft, aber sie macht mir noch viel Spaß. Vielleicht habe ich ab morgen dann Internet.
Was ich auf jeden Fall haben werde, ist ein kostenloses Konzert in Nishikawaguchi, Saitama. Ein Bekannter wird dort auftreten und nach dieser Woche brauche ich laute Rockmusik.
Ihr vielleicht auch. Also wünsche ich euch schonmal ein schönes Wochenende aus Tokyo.
Stay tuned.


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