Meine Reisen

z.Zt. Daueraufenthalt in Japan

Ein kurzer Nachtrag zu HYBRID PHONON & das übliche Blabla.

- Oktober 25, 2014

Susumu Hirasawa hat mich als einzige Ausländerin wohl doch wahrgenommen.
Auf jeden Fall hat er gestern dazu folgendes getwittert:

Unbenannt

„Weiße Menschen, die besonders groß sind fallen mir auf. Sie scheinen besonders in der Beleuchtung. Bestimmt kommt sie von einem weit entfernten Ort, danke dass du zu meinem Konzert gekommen bist.“

Die Übersetzung ist sehr frei, weil sein Tweet reichlich Hirasawa-like kryptisch ist. Aber, mein Gott, was bin ich froh, als große weiße Frau geboren zu sein. Nur für diesen Moment. Und, Wahnsinn, hat er mit 60 noch gute Augen!

Weiterhin möchte ich hier nicht mit meinen Sorgen quälen. Aber vielleicht fange ich gleich wieder an, davon zu tippen. Einfach, weil ich hier kaum Möglichkeiten habe, mich auf Deutsch auszutauschen.
Und über Sorgen redet man in Japan sowieso eher ungern.
Wer auf Fotos aus Tokyo wartet, wird schon gemerkt haben, dass er hier falsch ist. Mir ist in den letzten Tagen aufgefallen, dass ich kaum Fotos mache. Nicht nur, weil ich keine Chance habe, sie hochzuladen, sondern auch weil das hier alles so vertraut und alltäglich ist, dass es für mich schon zur Gewohnheit geworden ist. Und das fotografiert man ja dann auch nicht.
Ich freue mich natürlich trotzdem, wenn hier mitgelesen wird, auch ohne Fotos und ohne die Erwartung an die typischen Touri-Fotos eines Japan-Reisenden.
Denn ich reise ja nicht, ich versuche hier zu leben. (Und die Betonung liegt auf „Versuch“)

IMG_20141025_091344

Ein Foto kann ich doch noch liefern. Sollte man mein Gesicht vermissen – hier ist eine Hälfte.

Gerade habe ich wieder ein paar Bewerbungen los geschickt, selbst die deutsche Botschaft in Tokyo verschone ich jetzt nicht mehr. Gestern Abend war ich noch bei einem kostenlosen Konzert, auf dem ein Freund gespielt hat. Das war nach der stressigen Woche eine willkommene Abwechslung. Der Ort, Nishikawaguchi, war eher etwas runtergekommen (Auf Japanisch „shibui“, wie in „Shibuya“). Das Konzerthaus war dafür sehr schön, fast schon europäisch-pompös.
Erst stand ich bei Einlass ganz alleine rum, dann füllte sich langsam die kleine Halle und es wurde ein tolles Konzert.
Nach dem Auftritt konnte ich kurz mit dem Bassisten, Koji reden. Er hat mir nicht nur zwei Karten für sein kommenden Auftritt geschenkt, ich hab auch noch schnell ein Foto mit ihm machen können. Leider ist mein Gesicht vom vielen anstrengenden Lächeln etwas verzerrt. Aber meine Art der Zensur überzeugt bestimmt.

Koji sieht gut aus. Ich halte mich deshalb zurück.

Koji sieht gut aus. Ich halte mich deshalb zurück.

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Wieder Geld gespart. (Danke, Koji!)

Koji hat dann noch etwas zu mir gesagt, worüber ich heute früh noch nachgedacht habe: „Aber wenn du richtig anfängst zu arbeiten, dann kannst du nicht mehr zu Konzerten gehen!“ Wir haben uns nämlich auch über meine kommende Karriere unterhalten. Irgendwie hat er mir mit seiner direkten Art die Augen geöffnet.

Das ist ein Umstand, den ich kannte, aber den ich mir einfach noch nicht bewusst gemacht habe. Wenn ich hier richtig anfange zu arbeiten, habe ich keine Zeit mehr für irgendein Konzert, Ausflüge, Reisen. Ich scheffel sozusagen Geld ohne Wert. Das wäre dann das richtige japanische Leben, wie wir es uns alle immer vorstellen. Ich bekomme einen Vertrag und bin einer Firma verpflichtet. Und ich darf in Japan bleiben.

Aber wenn ich nur Nebenjobs mache, dann halte ich mich vielleicht gerade so am Limit, kann weiterhin meine Freiheit genießen und muss aber spätestens in einem Jahr das Land verlassen.

Beides ist für mich gerade keine gute Aussicht. Und ich habe es trotzdem gewusst. Aber noch weniger als keine Konzerte will ich Japan verlassen. (Obwohl Japan ohne Freizeit für mich auch wenig Sinn macht.)
Selbst wenn sich irgendwas in den laufenden Wochen ergibt, wird es mein Leben noch einmal entscheidend beeinflussen. Ich habe das Gefühl, dass das, was ich bis jetzt gemacht habe, nicht reicht. Aber ich weiß, dass ich nicht stehen bleiben darf. Egal, in welche Richtung ich mich jetzt bewege. Ich habe tolle Unterstützung, gestern habe ich es sogar geschafft, mein japanisches Konto einzurichten. Ohne Kreditkarte bekomme ich aber immer noch kein Wifi. Zu jedem Erfolg gibt es einen Rückschlag. Ich sitze hier auf glühenden Kohlen, auf ekligem Starbucks-Kaffee und komme nur langsam voran. Das ist in einem Land wie Japan mit einem rasenden Entwicklungstempo mehr als unangenehm.

Aber solche Momente, wie dieser Tweet von Hirasawa-san oder die nette Begleitung gestern zur Bank oder das erfolgreiche Interview oder das nette Gespräch mit Koji sollten mir ja Mut machen, oder? Man nimmt mich wahr, man freut sich, dass ich hier bin, man schätzt meine Bemühungen.
Das darf ich nicht vergessen.


One response to “Ein kurzer Nachtrag zu HYBRID PHONON & das übliche Blabla.

  1. Es ist nur ein paar Wochen her, da ging es mir genau wie dir. Ich wusste nicht mal, wo ich die nächste Woche sein würde, ob ich zurück nach Deutschland gehen müsste oder nicht… da war es wichtig, sich genau vor Augen zu halten, was man will: ich wollte um jeden Preis in UK bleiben. Es hat sehr geholfen, trotz der leicht chaotischen Realität ruhig zu bleiben und keine Panik zu kriegen!😉 Ich weiß, das ist schwierig umzusetzen, aber wenn du etwas unbedingt willst, musst du dich voll und ganz darauf konzentrieren! Und dann ganz organisiert alle Möglichkeiten ausschöpfen, die es dir ermöglichen, in Japan zu bleiben. Also keine Panik, alles wird gut!😉

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