Meine Reisen

z.Zt. Daueraufenthalt in Japan

Sonntags-Ausflug

- Oktober 27, 2014

Hallo, liebe Leser. Es wird langsam Herbst, wie geht es euch?
Gerade habe ich an euch meine neusten Japanisch-Kenntnisse auf Deutsch ausprobiert – Kigo, das sind saisonale Grüße, die man zu Beginn eines jeden Briefes schreibt. Aber ich schreib ja keinen Brief, sondern einen Blog und spar mir deshalb ab jetzt die Höflichkeiten. Gott sei Dank.

Denn damit plage ich mich schon den ganzen Tag herum – auch wenn das Lernen Spaß macht, es strengt an, wenn keiner kontrolliert. Ich schreibe Bewerbungen, Geschäftsbriefe und Dankesmails in Japanisch und das erfordert meine vollste Konzentration und geht zu 99% in die Hose. Als Ausländer kann man hier noch so lange gelebt und gelernt haben, ich glaube diese Stufe zwischen „Formal höflich indirekt“ und „Formal höflich direkt“ verstehen nur Japaner.
Das finde ich aber auch in Ordnung. Man muss seine Gaijin-Nase nicht in jeden Winkel der japanischen Kultur stecken. Man kann es auch gar nicht. Hier gibt es so viel, was man intuitiv lernen muss und aus keinem Buch erlesen kann. Das sage ich als jemand, der sowieso schon immer auf Grammatik geschissen hat, aber auf Lexik pocht. Als die ideale Linguistin, so to say. Manches muss man intuitiv lernen. Und manches wird man nie lernen. Außer man möchte hier arbeiten und will ordentliche Bewerbungen schreiben. Dann sollte man nochmal überdenken, was man so in seinem Blog herum tönt.

Gestern hatte meine Familie nach langer Zeit mal wieder frei. Meine Mutter musste nur eine halbe Stunde zur Arbeit (immerhin!), während  mein Vater den ganzen Sonntag entspannen durfte. Das galt natürlich nicht für die Geschwister. Die Jüngste musste ihren Universitäts-Vorprüfungtest schreiben, der Bruder musste Englisch bestehen und die mittlere Schwester kam mit uns mit, sie hatte Abends einen Cheerleading-Auftritt, dem wir beiwohnen würden.
Zu viert fuhren wir also mit dem Auto nach Saitama, Omiya, luden die Mutti bei ihrer Arbeit ab und gingen dann zu dritt shoppen. Also, meine Schwester shoppte, ich beriet sie in Farbe und Schnitt und Papa zahlte. Wir waren ein großartiges Team.

Zwischendurch einfach mal einen Kuchen essen, der aussieht wie der Fuji. So läuft das hier.

Zwischendurch einfach mal einen Kuchen essen, der aussieht wie der Fuji. So läuft das hier.

Dann war die Zeit auch schon wieder rum, die Mutti wurde vor ihrer Arbeit aufgelesen und gemeinsam ging es dann zurück nach Tokyo, zum Apartment der Schwester. Dort luden wir sie ab, denn sie musste sich für ihren Auftritt später besonders kawaii (niedlich) anziehen. Meine Schwester studiert an der berühmtesten Sport-Universität Japans, das macht mich natürlich sehr stolz, aber wer mich kennt, weiß, dass ich für Sport wenig übrig habe.
Dafür aber für Essen um so mehr. Deshalb gings gleich wieder ins Auto, zu einer Bahnhofsgaststätte, wo es wirklich leckere Soba-Nudeln gab und zum Nachtisch ein Eis.

Wirklich gute Soba-Nudeln. Selbst wenn man keinen Hunger hat.

Wirklich gute Soba-Nudeln. Selbst wenn man keinen Hunger hat.

Wir wollten unseren Tag komplett ausfüllen, deshalb wurde das Eis schon auf der Weiterfahrt zu einem Mode-Outlet im Wagen gegessen. Frei kann man ja mal machen, aber deshalb darf man trotzdem nicht die Zeit vertrödeln.
Das Mode-Outlet war nicht wirklich was für mich, es gab eher vernünftige, unauffällige und hübsche Kleidung, nichts mit blutenden Augen oder neon-grellen, beißenden Farben. Aber ich war immer bereit, meine Familie zu begleiten und mit meinem japanischen Papa über die Mode zu lästern. Auch da blieben wir nicht lange. Zu viele Menschen, zu wenig Unterhaltung, nicht die passenden Schuhe.
Gleich fuhren wir weiter nach Chofu City, dort wo das American Football Spiel stattfinden sollte, bei dem meine Schwester cheerleaden würde. Parkplatz gesucht, Karten gekauft, um die Tribüne geschlichen, bis wir vor den Augen meiner Schwester saßen. Keine Fotos gemacht, von Mädchen in kurzen Röcken ist das in Japan immer etwas heikel. Auch wenn man die blonde ausländische Schwester ist.

Ganz aufgeregt und froh dabei zu sein - Ich.

Ganz aufgeregt und froh dabei zu sein – Ich.

Das Spiel selber war nicht so spannend. Also nicht, dass ich Ahnung von Football habe und mich die Regeln interessiert hätten. Gut, man hätte jetzt sagen können – da treten zwei Universitäten mit einem Haufen hübscher, junger japanischer Männer gegeneinander an. Da hätte ich doch was zu gucken gehabt! Aber wer meinen Männer-Geschmack kennt, der weiß, dass ich mich auch dafür nicht so wirklich begeistern konnte. Bier gabs auch nicht. Aber der Abendhimmel war schön.
Was toll war, war eine recht große Gottesanbeterin, die über die Absperrung der Tribüne kletterte. Ich meine – so viel Natur ist man in Tokyo doch gar nicht gewöhnt!

War eine willkommene Abwechslung. Kamakiri auf Japanisch.

War eine willkommene Abwechslung. Kamakiri auf Japanisch.

Irgendwann war das Spiel dann auch vorbei, der Hintern von den harten Bänken wund gesessen und meine Schwester hatte sich lang genug mit den Pompoms niedlich zum Singsang bewegt. Sie fuhr zurück in ihre Wohnung und wir ohne sie nach Hause. Auf dem Heimweg gab es keinen Stau, also waren wir in weniger als einer Stunde beim Supermarkt vor dem heimischen Bahnhof. Schnell noch etwas Sashimi zum Abendessen gekauft, ein bisschen Salat, ein bisschen Nattou und dann zurück in die eigenen vier Wände. Dort warteten auch die daheim gebliebenen Kinder, hatten aber schon ohne uns gegessen.
Mein japanischer Vater, der eigentlich den ganzen Tag nur im Auto gesessen hat, um uns von A nach B zu kutschieren, meinte zufrieden, dass er endlich mal wieder einen schönen freien Tag gehabt hätte. Dazu gab es noch ein paar Bier, ein bisschen Wein und dann war es gegen Mitternacht auch schon wieder Bettzeit. Die Zeit vergeht hier wie im Flug.

Eine gute Sache kann ich jetzt noch berichten – meine Schwester Motoko hat mir gestern auch ihr Pocket Wifi überlassen, sodass ich jetzt immer Internet habe und nie wieder Starbucks sehen muss. Außer wenn ich möchte. Trotzdem will ich das geliehene Gerät nicht allzu beanspruchen und mich deshalb weiterhin auf diese Blogposts beschränken.

Sollte ich jemals irgendwann Arbeit finden, werdet ihr es hier sofort erfahren. Bis dahin erledige ich den japanischen Haushalt meiner Familie. Macht auch mal Spaß.


2 responses to “Sonntags-Ausflug

  1. der_panse sagt:

    ..die Nudeln sehen verdammt lecker aus *haben-will*🙂
    Und so’n Pocket WiFi nehm ich auch noch *g*

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