Meine Reisen

z.Zt. Daueraufenthalt in Japan

Imoto-chan, Arigatou.

- Oktober 29, 2014

Eine kleine Anekdote aus meinem japanischen Alltag, die mich nachdenklich stimmt.

In unserem Zimmer schläft hinter einer Schrank-Kommoden-Schreibtisch-Konstellation der jüngere Bruder. Ich und meine Schwester teilen uns einen Schlafbereich, sie hat das Doppelbett nach oben, ich liege da drunter. Japanische Häuser sind sehr eng, deshalb muss man sich arrangieren. Aber als ich 16 Jahre alt war, haben wir schon ähnlich gewohnt, ich bin also sehr zufrieden mit dieser Situation. Manchmal haben wir noch vierte Mitbewohner in Form von Kakerlaken. Da haue ich dann meist beherzt mit der Zeitung drauf. Weil der Rest sich vor den Krabbelkäfern fürchtet.

Jeden Abend, wenn meine Schwester spät vom Lernen heimkommt, liegt sie noch im Bett über mir, stellt Fragen zu ihren Englisch-Hausaufgaben oder wir erzählen uns kurz, was wir erlebt haben. Als ich 16 Jahre alt war haben wir das ständig gemacht, da war sie noch 9 und lag mit mir in einem Bett. Manchmal schliefen wir sogar so ein. Das störte mich überhaupt nicht.
Heute ist sie nur noch unterwegs und lernt jeden Tag. Meist ist sie so müde, dass unsere abendlichen Gespräche nur 5 Minuten lang sind.

Gestern Abend war es ähnlich, ich las noch in meinem Buch, sie verabschiedte sich schon mit ihrem niedlichen „Gute Nacht“ auf Deutsch mit japanischem Akzent.
Nur 10 Minuten später hörte ich sie plötzlich im Schlaf reden, eher weinen, leise wimmern. Einen Moment war ich komplett verunsichert und wusste nicht, ob ich sie wecken sollte. Gerade, als ich mich so sehr sorgte, dass ich nach ihr sehen wollte, war sie ruhig und schlief weiter.

Sie hat durch die anstehenden Uni-Eingangsprüfungen so viel Stress, dass sie wahrscheinlich oft Alpträume hat und schlecht schläft. Als sie ruhig war, wurde ich auch langsam müde.
Irgendwann legte ich dann mein Buch zur Seite und schlief ein.
Sofort kam der Albtraum jedoch auch zu mir. Ich träumte davon, zurück in Deutschland zu sein, ich wusste nicht wieso, aber es fühlte sich im Traum so real an und ich war mir auch bewusst, dass das nicht richtig sein konnte. Ich müsste ja in Tokyo leben und Arbeit suchen. Im Traum hatte ich solche Angst, dass mein Visa verfallen würde, dass ich nicht mehr zurück konnte und das ich aus unerklärlichen Gründen für immer in Deutschland bleiben müsste, sodass ich schweißgebadet aufwachte und halb schlaftrunken in meinem japanischen Bett stand. Ich brauchte wirklich ein paar Minuten, um zu realisieren, dass ich nur geträumt hatte und mich noch immer in Tokyo befand. Draußen rauschten ein paar nächtliche Autos vorbei, die grelle Straßenbeleuchtung bohrte sich durch die dichten Gardinen vor dem Fenster. Das war Adachi-ku, das war Tokyo. Meine Erleichterung war ungemein.
Über mir hörte ich den leisen, stetigen Atem meiner schlafenden Schwester. Allein durch ihre Anwesenheit war ich so beruhigt, dass ich sofort wieder einschlafen konnte. Ich wusste, ich war nicht allein. Ich wusste, ich war in Japan und würde es vorerst bleiben. Der Rest der Nacht verlief traumlos.

Jetzt ist es schon wieder Abend, gerade kommt meine Schwester heim und meint, sie müsse mir unbedingt etwas erzählen. Wir haben uns den ganzen Tag noch nicht gesehen, sie steht morgens vor mir auf, aber geht nach mir ins Bett. Nun steht sie vor mir, immer noch in ihrer Schuluniform, ihre schwarzen Haare ordentlich zusammen gebunden. Sie hat sich nicht mal die Zeit genommen, sich umzuziehen. So wichtig ist ihre Ansprache. Ihre Augen sind geweitet, sie erzählt schnell und ich kann ihr trotzdem folgen.

„Ich hab gestern Nacht geträumt, ich würde irgendwie fallen, ich hatte so viel Angst im Traum, irgendwie wusste ich nicht, wo ich bin. Ich wollte deinen Namen rufen, Rika-chan, Rika-chan, aber irgendwie konnte ich das nicht mehr. Dann bin ich zum Glück kurz aufgewacht und habe bemerkt, wie du gerade dein Buch weggelegt hast und das Licht ausgemacht hast. Da wusste ich, dass du noch da warst und mir ging es sofort besser.“

Sie lächelt, dreht sich um und verschwindet zufrieden im Bad. Das ist ihre Art und Weise, mir ihre Zuneigung zu zeigen. Sie umarmt mich nie. Das hat sie als Kind gemacht. Jetzt ist sie eine erwachsene Japanerin.
Mir stehen Tränen in den Augen. Denn sie hat mir mehr oder weniger gestern Nacht durch ihre Anwesenheit den gleichen Gefallen getan. Wäre sie nicht da gewesen, hätte ich vielleicht nur schwer wieder einschlafen können.
Wir haben beide Stress, auf unterschiedliche Art und Weise und können uns irgendwie doch nicht helfen. Das macht mich etwas traurig.

Jedoch ist mir eins klar geworden – Wir beide sind Schwestern. Obwohl wir in unterschiedlichen Ländern geboren wurden. Intuitiv verstehen wir uns. Ich weiß, ich kann mich auf sie verlassen. Und ich glaube, sie weiß, dass sie auch auf mich zählen kann. Selbst, wenn wir heute wieder schlecht schlafen sollten. Die Eine wird schon auf die Andere aufpassen.

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