Meine Reisen

z.Zt. Daueraufenthalt in Japan

Ein Nachmittag im GAZIO-Cafe

- November 1, 2014

Ich habe heute meinen persönlichen Himmel gefunden.
Deshalb schreibe ich schnell einen Disclaimer:
Dieser Eintrag wird ein Fangirl-Eintrag, ich möchte hier kurz warnen und meine geschätzten Leser darum bitten, den nächsten Eintrag zu lesen, wenn sie NICHTS über Hirasawa Susumu oder das Gazio Cafe in Tsukuba lesen möchten. (Es folgt noch ein Blog über japanisches Essen und Karaoke in den nächsten 72 Stunden!)
Wer sich trotzdem nicht abschrecken lässt und gerne wissen will, wie ich meinen Samstag verbracht habe, darf ab jetzt weiter lesen.

9 Uhr stand ich heute auf, für japanische Verhältnisse ist das nicht ausschlafen, sondern faul. Meine japanische Mutter ist zur Zeit in den Bergen wandern und nicht zu Hause, deshalb springe ich ein, wasche die Wäsche und hänge sie auf. Das mache ich im Multi-Tasking-Prinzip, da ich nebenbei frühstücke, mir Locken eindrehe und meine Tasche packe. Heute geht es 60 km nördlich von Tokyo nach Ibaraki, Tsukuba. Das ist zwei Präfekturen hinter Tokyo, ein ganz schönes Stück und wenn ich meiner Familie sage, wofür ich da hinfahre, werde ich nur liebevoll belächelt.
„Ach, für einen Vortrag über New Wave Musik.. Na, das muss ja toll sein.“

Und, mein Gott, war es auch!
Ich fuhr also 12:30 Uhr los, brauchte eine Stunde mit dem bequemen Zug von Kita-Senju bis nach Tsukuba. Kita-senju liegt nur 5 Stationen von meinem Ausgangspunkt entfernt, eigentlich wohne ich nah dran, wenn ich schnell mal weg will. Und mein „weg“ ist heute Tsukuba. Es gibt dorthin eine Express-Linie, mit der ich schon immer mal fahren wollte. Gesagt, getan. Arschbequem und arschteuer. Fast eine Stunde fahre ich durch Reisfelder und regnerische Landschaften. Ich spüre, wie ich Tokyo hinter mir lasse. Dann erreichen wir schon die Endhaltestelle. Neben mir eine Familie auf dem Weg zum Wochenendausflug. Alles ist vergnügt. Ich auch.
Ich komme an, hübsche mich auf dem Bahnhofsklo auf und fische mein Handy aus der Tasche. Jetzt gilt es nur noch das Cafe zu finden.

Tsukuba im Regen. Muss man nicht haben.

Tsukuba im Regen. Muss man nicht haben.

Betrieben wird es vom Bruder meines Lieblingssängers, Susumu Hirasawa. Yuichi Hirasawa heißt der Inhaber und er lädt heute einen japanischen Schriftsteller und Journalisten dazu ein, ein wenig über New Wave Musik und im speziellen Falle über Susumu Hirasawa und seine Band „P-Model“ zu reden.

Die beiden Brüder im Eingang des Cafes. Genau da stand ich heut auch lässig rum.

Die beiden Brüder im Eingang des Cafes. Genau da stand ich heut auch lässig rum.

Im strömenden Regen stapfe ich durch die breiten Straßen einer mir vollkommen fremden Stadt. Tsukuba wurde für wissenschaftliche Zwecke errichtet, von Form, Größe und Tristheit erinnerte es mich ein wenig an das heimische Eisenhüttenstadt. Jedoch gibt es drum herum Forschungszentren und Universitäten, die dem ganzen einen etwas gehobenen Anspruch verleihen.
Mit meiner unsäglichen japanischen Wegbeschreibung und meinem Google Maps-fähigen Handy irrte ich dreimal im Kreis, wurde pitschnass und fand dann endlich das Cafe, versteckt zwischen Auto-Vermietung und Kombini. 14:00 Uhr war Einlass, 13:57 Uhr stand ich vor der Tür. Pünktlich wie eine Deutsche.

Gefunden!

Gefunden!

Kurz nach 14 Uhr traute ich mich dann endlich rein, ganz allein drängte ich mich durch die winzige Hintertür und stand plötzlich in einem Hirasawa-Tempel. An der Wand seine Bilder, neben den aus Aluminum gefertigten Tischen seine Instrumente, sein Fahrrad, seine Laser-Harfe, seine Bühnenoutfits, aus den Lautsprechern seine Stimme. Die Wand war mit weißem Holz verkleidet und mit Scherenschnitten von Fans behangen. Ein großer Fernseher thronte in der Mitte des Raumes. An den Cafe-Fenstern standen Grünpflanzen neben elektronischen Bühnengeräten. Das ganze Cafe wirkte gemütlich und vollgestellt.
Hinter der Theke stand, unverkennbar, bebrillt und mit Mütze, Hirasawas Bruder Yuichi. Ich grüßte verlegen und er verwies mich zum Empfang am anderen Ende der Theke. Dort bezahlte ich meinen Eintritt (2200 Yen), bekam mein Gratis-Getränk (Eistee) und wurde zu einem kleinen Tisch mit drei Stühlen verwiesen. Neben mir ein Hirasawa-Bild, dass mich den ganzen Nachmittag über liebevoll anschauen würde. Ich hatte ganz weiche Knie.

Hat mich beim Essen beobachtet - Susumu Hirasawa.

Hat mich beim Essen beobachtet – Susumu Hirasawa.

Außer mir waren schon einige weitere Gäste vor Ort, zwei junge Damen, die Spaß mit der funktionierenden Laser-Harfe hatten, ein junger Mann mit Hirasawa-Desktop-Hintergrund auf seinem Mac und natürlich die Kellnerinnen, die geschäftig um mich herum wuselten.
Ich war aufgeregt und fühlte mich trotzdem sehr wohl. Hier war ich also unter Gleichgesinnten. Ich drückte das Alter durch meine Anwesenheit jedoch gewaltig. Wer auf 80er-Jahre New Wave Musik steht, ist halt nicht unbedingt erst 20…
Man brachte mir plötzlich ein Curry-Gericht, dass ich nicht bestellt hatte, aber das automatisch im Preis mit inbegriffen war.
Ich nahm zwei Happen, war sowieso kein Curry-Fan und musste feststellen, dass es zusätzlich Fleisch war. Als nun mehr 5-jährige Vegetarierin hätte ich es ablehnen müssen. Aber meine Fangirl-Gefühle haben mich übermahnt. Dieses Essen hat doch der Bruder meines Lieblingssängers zubereitet!
Mit diesem wenig tröstenden Gedanken leerte ich die Schüssel. Es war äußerst lecker und ich lebe noch.

Kann ich weiterempfehlen. Curry mit Reis.

Kann ich weiterempfehlen. Curry mit Reis.

Während ich meinen Eistee schlürfte und darauf wartete, dass es 16 Uhr wurde, legte der Moderator der anstehenden Veranstaltung die BITMAP-DVD von P-Model ein. Gespielt wurden alte Live-Auftritte von 1979 bis 1980 und Promotion Videos der Band. Ich war im siebten Himmel.
Später setzten sich noch zwei ältere Herren zu mir mit an den Tisch, der eine hatte das Gazio-Cafe Abzeichen an seinem Hemdkragen, der andere wirkte sehr ruhig und trug eine modische Krawatte. Ich wurde begrüßt wie in einer Sekte. „Willkommen, im Hirasawa-Fanclub!“ Fehlte nur noch ein spezieller Laser-Harfen-Gruß.
Man stellte sich gegenseitig vor, jeder erklärte kurz, warum er Hirasawa so toll fand, dann wurde über New Wave Musik in Deutschland geredet. Ich verwies wie immer auf Kraftwerk und man war ganz entzückt über meine korrekte Aussprache des Wortes „Kraftwerk“ und „Autobahn“.

Irgendwann gegen 16 Uhr begann dann der eigentlich Vortrag, ich bestellte mir kurz vorher noch einen Cocktail, der giftgrün war und wie Hirasawas Lied „Gipnoza“ hieß. Alle Cocktails in diesem Cafe haben Namen wie die Lieder von Hirasawa, der Bruder brachte die Mixgetränke persönlich an den Tisch.

Wahrscheinlich Pfeffi mit Vodka - "Gipnoza"

Wahrscheinlich Pfeffi mit Vodka – „Gipnoza“

Es folgte ein 3-stündiger Vortrag über die Entwicklung von New Wave Musik aus Punkrock und anderen Misch-Richtungen, der Vortragende selbst war ein großer Fan von Nina Hagen, Kraftwerk und DAF, sodass er auch von Ostdeutschland und dem Berliner Ensemble sprach. Als einzige Deutsche (und als einzige Ausländerin) zwischen den 40 anwesenden Gästen war ich etwas stolz. Vor allem, dass unsere Musik mehr Anklang fand als die englischen Sex Pistols oder die amerikanischen B52.
3 Stunden passiv Japanisch lauschen war trotzdem sehr anstrengend. Als der Vortrag vorbei war, wurde kurz geklatscht, noch ein paar Fragen gestellt, die Uhr zeigte kurz nach 19 Uhr.
Mein Tischnachbar, mit dem ich mich etwas angefreundet hatte, bestand darauf, mich dem Inhaber und Bruder Hirasawas vorzustellen. Ich bemerkte, dass er öfter an solchen Events teilnahm und alles und jeden kannte. Und nun wollte er, dass auch ich alles und jeden kennen lernen sollte. Ich war viel zu aufgeregt und hätte gerne darauf verzichtet. Vor allem weil Yuichi so anders wirkte, als sein Bruder. Etwas verschüchtert, fast schon grummelig.
Als ich aber dann mit ihm sprach, merkte ich schnell, dass meine Bedenken unnötig gewesen sind.
Mein Tischnachbar stellte mich vor, „Diese Mädchen kommt aus Deutschland und ist gleich nach ihrer Ankunft zum Konzert von Hirasawa gegangen. Irre, oder?“
„Hast du alles verstanden?“, fragte mich der ältere Herr hinter der Theke. Er war verunsichert, wie gut mein Japanisch war. Ich war es ehrlich gesagt auch. Immerhin sprach ich mit einer Berühmtheit.
Ich nahm all meinen Mut zusammen und brachte sogar ein astreines, formal-höfliches Japanisch zutage (was mich selber überraschte!):
„Ich habe mir beim Verstehen viel Mühe gegeben. Vielen Dank, dass ich in ihrem Laden ein so leckeres Essen und Trinken genießen durfte.“
Zack. Und ein Lächeln auf seinem Gesicht. Unglaublich, wie man Japaner verzaubern kann.
„Wo wohnst du?“, fragt er und holt ein Tablet raus. Sein Japanisch ist schnorrig und frei von jeder Höflichkeit. Aber das mag ich. Das macht es mir einfacher, zu verstehen. Als ich Adachi-ku sage, lächelt er wieder. Natürlich, fällt es mir ein, er und sein Bruder sind ja dort geboren.
Er sucht für mich nach dem Zug und nennt mir die beste Verbindung. Ich bedanke mich und will gehen, da bittet er mich zu warten. Inzwischen merke ich, dass alle Augenpaare auf uns gerichtet sind. Wieso spricht Yuichi Hirasawa mit einer Ausländerin? Ich kann es regelrecht in meinem Rücken spüren.
Meine neue Bekanntschaft wartet zurückhaltend an der Tür. Er will mir diesen Moment gönnen und ich bin ihm dafür dankbar.
Yuichi-san kommt zurück und drückt mir etwas in die Hand, lächelt noch einmal und wünscht mir einen schönen Abend.
Auf dem Nachhauseweg sehe ich, dass es selbst entworfene Postkarten sind. Ich fühle mich geehrt.

Obwohl ich allein zu diesem Event gefahren bin, hatte ich die Möglichkeit, neue Freunde kennen zu lernen, tolles Essen zu genießen und mein Japanisch zu verbessern. Ich hätte nicht damit gerechnet, mit Yuichi-san reden zu können. Mein Glück wurde mir erst später bewusst, als ich schon im Express zurück nach Hause saß. (Und auch jetzt bin ich noch ziemlich hyper!)
Ich wurde eingeladen, bald wieder vorbei zu kommen. Demnächst gibt es eine Art Hirasawa-Fest, bei dem Exponate ausgestellt werden und bei dem man Fanarts käuflich erwerben kann. Die Fans mit denen ich mich dort unterhalten konnte, waren aufmerksam, interessiert und sehr freundlich. Ich werde die Chance natürlich nutzen und erneut hinfahren.

Bestes Spielzeug an diesem Nachmittag - die Laserharfe von Hirasawa. Bei Berührung ertönt Musik.

Bestes Spielzeug an diesem Nachmittag – die Laserharfe von Hirasawa. Bei Berührung ertönt Musik.

Heute bedanke ich mich erstmal für diesen wunderbaren Nachmittag. Auch an den Vortrag-Haltenden, der so viel erzählt hat, dass ich nicht mal mehr die Hälfte zusammen bekommen würde.
Mein Tischnachbar meinte zu mir: „Wahnsinn, wie du aus Deutschland hier her kommst, gleich am Tag der Ankunft zu seinem Konzert gehst, jetzt hier an diesem Event teilnimmst und dadurch so viel Erfahrung sammelst. Das muss diese Kraft der Musik sein, von der alle immer reden.“

Ich denke, er hat Recht.

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