Meine Reisen

z.Zt. Daueraufenthalt in Japan

Bauchgefühl

- November 11, 2014

Bauchgefühl. Bauchgefühl ist alles.

Ich hatte heute ein groteskes Bewerbungsgespräch in dem man mir zwar zum ersten Mal meine Fähigkeiten (Deutsch, Japanisch und Englisch) anerkannt hat, aber einen sehr fragwürdigen Stundenlohn angeboten hat. Die ganze Institution erinnerte mich an eine Art Sekte/Schneeballsystem-Firma und am fragwürdigsten fand ich, dass der Hauptsitz in Deutschland ist. Ich meine – wer vertraut schon einer deutschen Firma? ;D

Das Gespräch selbst war sehr nett und das Geld hat mich zusätzlich verlockt zuzusagen. Und ich habe auch vorerst zugesagt. Da war ich wieder ganz Japanerin und höflich (und unverbindlich und geldgierig). Der nette Chef und die freundliche Managerin waren aber auch hinreißend. Obwohl die Managerin für eine japanische Firma viel zu blonde Haare und viel zu glitzernde Nägel hatte. Es gab Kleinigkeiten, die mir von Anfang an Spanisch vorkamen. Oder in diesem Fall halt sehr unjapanisch.
Und auf dem Heimweg fiel mir wieder ein, dass mein Bauchgefühl von Anfang an sowieso beschissen war, dass ich diese Firma eigentlich nicht wirklich mochte und dass man mich zusätzlich für unmenschliche Überstunden verpflichten würde. Und diese Managerin. Wieso sah sie aus wie eine Hostess?
Gerade habe ich eine Absage-Mail geschrieben und bin damit sehr zufrieden. Mein Bauchgefühl dankt mir.

Und erneut stelle ich mir selbst die Frage.
Was ist mir nun wichtig? Eine feste Anstellung und ein Leben in Reichtum, aber ein Reichtum ohne Freizeit?
Oder ein paar Nebenjobs, die mich über Wasser halten und die mir die Freiheit geben, meine relativ teuren Hobbies zu finanzieren? Ehrlich gesagt weiß ich es nicht. Denn beides hat zu viele gute als auch schlechte Seiten. Und in Japan kann man sich nur für einen der beiden Wege entscheiden. Es gibt keinen Mittelweg.

Was ist mein Hauptziel? Für immer in Japan zu bleiben, das war es auf jeden Fall bis jetzt. Aber wenn ich mich dafür in einer Firma knechten lassen muss und dabei Positionen übernehme, die ich mit meiner Moral nicht vereinbaren kann, dann macht mich das auch nicht glücklich.

Und eigentlich bin ich ja hier her gekommen, um glücklich zu werden. In Deutschland konnte ich es ja nicht sein.
Also sollte Japan mein neuer Anlaufpunkt werden.

Was ich jetzt fest habe, sind zwei Nebenjobs als Bloggerin und als Lehrerin. Zwei Berufe, die ich so wollte und für die ich mich auch komplett einsetzen werde. Meine Deutsch-Stunden beginnen ab nächster Woche, in Saitama werde ich in einer Firma Privatunterricht geben. Fahrtkosten und Unterrichtsstunden werden mir bezahlt, es ist nicht viel, aber es wird eine leichte Arbeit, die mir Spaß macht.
Und ich werde immer noch Zeit haben, Konzerte zu besuchen, Freunde zu treffen und für mich selbst etwas Japanisch zu lernen.

Genau dafür bin ich doch auch hier her gekommen. Ich wollte den Menschen, die ich mag nahe sein und ich wollte mich selbst in dem verwirklichen, was mir Spaß macht. Und auch wenn das nie genug Geld sein wird, um es sorglos aus dem Fenster zu werfen, hauptsache es reicht, um zu leben. Eigentlich bin ich mit allem zufrieden. Solange ich meine Freiheit behalten kann.


6 responses to “Bauchgefühl

  1. Das mit dem Bauchgefühl war sicher eine gute Entscheidung!

    Ich finde es übrigens sehr wichtig, dass du dir diese Frage mit der Arbeit/Freizeit-Verteilung stellst! Es wäre irgendwie schade, wenn du zu so einem seelenlosen Klischee-Japaner wirst, der in seiner 2m²-Wohnung haust, 20 Stunden am Tag arbeitet und keine Freunde hat. Also, ich nehme mal an, dass die japanischen Erwartungen an das Arbeitsverhalten auch in der Realität ganz andere sind als in Europa, aber bitte lass dich davon nicht untergraben! 🙂

    • Liebe Hanna,

      wie immer danke für dein Kommentar. ❤ Ich freu mich über deine lieben Worte. Ich glaube, wenn man hier arbeiten will, ist das eine essentielle Frage, die man sich von Anfang an stellen muss. Ich hab darüber so noch nicht nachgedacht, mir war erstmal Geld und Beschäftigung wichtig. Aber wie schon gesagt – was nützt einem Geld, wenn man nur drauf sitzt und es nicht ausgeben kann? Dann lieber ein bisschen weniger und ab- und zu mal einen Tag ausschlafen. Vielleicht bin ich da dann doch zu sehr Europäerin…
      Ich hoffe, es geht dir in England gut. Ist es bei euch auch so kalt wie hier?
      Ich denk an dich. ❤

  2. hanayagi sagt:

    Heh! Verkauft die Firma zufaellig Lebensmittelzusaetze? Kommt mir jedenfalls sehr bekannt vor …

  3. hanayagi sagt:

    Jap, aber ich kann hier ebenfalls keine Namen nennen. Kommst du zum Bloggergipfel von Tabibito? Wenn ja, dann offline gerne mehr 🙂

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