Meine Reisen

z.Zt. Daueraufenthalt in Japan

Entspannung?

- Dezember 18, 2014

„Und wo entspannst du dich?“

Das hat mich meine Englisch-Schuelerin heute gefragt und ich war einen Moment sprachlos. Wo entspanne ich mich eigentlich?

Ich weiss es ehrlich gesagt nicht. Und ich habe jetzt den ganzen Heimweg darueber nachgedacht, im vollen Zug, das Tablet in der Hand, wo ich mich denn eigentlich so entspanne. Ob ich mich ueberhaupt entspanne. Ob entspannen in Tokyo angebracht ist.

Denn Sitzbaenke sind spaerlich gesaet, es gibt viele Cafes, in denen man stundenlang sitzen kann, aber die meisten haben dabei auch ein Buch zum Lernen aufgeschlagen oder kritzeln irgendwas in Notizbuecher. Das mache ich inzwischen auch. Ich lese in der Bahn, ich beantworte Mails im Cafe, ich beschaeftige mich selbst 15 Stunden am Tag. Alles andere erscheint mir hier auch unangebracht.

Am naheligensten waere es ja, zu Hause zu entspannen. Was macht man denn zur Entspannung? Fernsehen schauen? Das geht in meinem eigenen Zimmer nicht, da ich es mir mit meinem Bruder und meiner Schwester teile und kein Platz fuer einen Fernseher ist. Oben im dritten Stock in der Kueche steht ein Fernseher. Da kann man dann etwas unbequem verrenkt auf den Kuechenstuehlen sitzen und Fernsehen schauen. Der laeuft dann auch meist beim Abendessen. Ohne das man wirlich hinschaut. So als Beilage zum Fisch. Ist ganz angenehm.
Eine Couch oder eine anderweitige Sitzgarnitur gibt es in diesem Haushalt nicht. Ab und zu sitzt mein Vater auf dem Trainingsgeraet. Ohne zu trainieren.

Ich habe nur mein Bett und einen kleinen Schrank, sowie zwei Boxen unter dem Bett. In Boxen und Schrank sind meine persoenlichen Sachen verstaut, auf dem Bett wird nur geschlafen. Da kann man sich nicht tagsueber raufsetzen oder drin rumliegen, ausser man hat grad frisch geduscht. Die 4 Decken, die aufgrund der Kaelte so aufgestapelt sind, werden nicht gewaschen oder sind auch nicht bezogen – deshalb kann man sich da nicht mit Strassenklamotten rauflegen.

Es gibt noch einen Schreibtisch, der von meiner Schwester genutzt wird und die ausschliessliches Recht darauf hat, immerhin steht sie kurz vor der Uni-Eingangspruefung. Das erlaubt ihr zur Zeit alles im Haushalt. Auch die Schreibtisch-Alleinnutzung.

Deshalb arbeite ich meist in irgendwelchen Cafes, sogar Starbucks, wenn es sich nicht vermeiden laesst. Zu Hause ist entweder kein Platz oder es ist einfach zu kalt. Zu Hause ist kein Ort an dem man lange bleibt. Man isst ein bisschen, man duscht, man schlaeft seine 5 Stunden. Man entspannt auch nicht. Man hoert keine Musik, weil man nicht allein im Zimmer ist, man telefoniert auch nicht mit der Familie, weil man sich irgendwie doch nicht allein fuehlt, auch wenn Deutsch bestimmt nicht verstanden wird. Man liest nicht, weil man in den kalten 4 Waenden sowieso nur friert und das Buch kaum halten kann. Man sitzt nicht einfach so rum, weil es nur zweckmaessige Stuehle gibt.
Man arbeitet. Egal wo.

Man gammelt nicht einfach so zu Hause rum, wenn alle taeglich schon um 5 Uhr aufstehen und erst 22 Uhr wiederkommen.
„Du hast ein leichtes Leben mit deinen Nebenjobs.“ hat meine Schwester mir gestern mehr oder weniger an den Kopf geworfen. Da war ich genau so sprachlos, wie als meine Schuelerin mich nach Entspannung fragte.

Entspannt man denn in Japan? Darf man denn entspannen? In meiner Familie habe ich nicht das Gefuehl, ein Recht auf Entspannung zu haben. Aber es hat mich bis jetzt nie gestoert, weil ich selber nicht hinterfragt habe. Mir erschien ein Leben ohne Entspannung als natuerlich.

Es musste erst jemand anderes kommen, um mich darauf hinzuweisen, dass es sowas wie einen Timeout gibt.
Muss ich mich schlecht fuehlen, wenn ich als Deutsche manchmal in einem so vielbeschaeftigten Land entspannen will?

Ich glaube, meine Familie brauche ich dazu nicht befragen, die Antwort waere mir schon von vornherein klar. Aber ich kann meine Familie auch gar nicht befragen.
Wir sind alle so beschaeftigt – wir sehen uns kaum.


2 responses to “Entspannung?

  1. Hmm, so großartig hört sich das für mich nicht an, aber du wirst ja für dich abwägen, ob dir das so gefällt oder eher nicht :-/ Ich hätte nicht viel übrig für ungeschriebene Regeln, die jeder befolgen muss…

  2. hanna sagt:

    Ich weiss, was du meinst. Es gibt ja im Japanischen noch nicht einmal ein Wort fuer „Ausschlafen“ ^^; Wenn ich meine Schulzeit mit der eines Japaners vergleiche, habe ich das Gefuehl, dass ich echt faul war und Unmengen an Freizeit hatte; allerdings habe ich schon die Erfahrung gemacht, dass in Japan zum Beispiel das Wohnzimmer oder im Winter der kotatsu „Versammlungsort“ fuer die ganze Familie ist, und man dann gerne zusammen vor dem Fernseher rumgammelt.

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