Meine Reisen

z.Zt. Daueraufenthalt in Japan

Was fehlt.

- August 7, 2015

Es hat zwei Monate gedauert, aber seit Anfang August habe ich endlich Internet. Es ist viel passiert und dieser Blog ist wirklich nicht mehr auf dem neusten Stand.
Was sich aber nicht verändert hat, ist das Land, in dem ich mich befinde – nach wie vor lebe ich in Japan, sogar Tokyo habe ich nicht verlassen. (Das wärs noch!)
Aber seit Anfang Juni lebe ich nun in Kita-ku, in der nördlichsten Stadt Tokyos, gleich neben dem großen Bahnhof Akabane. Das ich ein wunderbares (für Tokyoer Verhältnisse) sehr großes Apartment gefunden habe, verdanke ich meiner Immobilienfirma, bei der ich immer mehr Aufgaben übernehme. Ende Mai wurde ein Wohnungswechsel nötig und Hals über Kopf entschied ich mich für ein kleines hübsches Zimmerchen im ersten Stock in einer sehr ruhigen, aber praktischen Lage. Ich habe sogar einen Garten. Mein verdammter Garten mit einem Hibiskus und einer Gerbera ist mein ganzer Stolz.

Eingekesselt zwischen Tempel, 24-Stunden-Supermarkt, japanischem IKEA und Bahnhof mit Express-Zügen in Richtung Kanagawa und Saitama möchte ich mich wirklich nicht über meine neue Wohnsituation beschweren. Ganz im Gegenteil.
Manche Japaner schauen etwas entsetzt, wenn ich ihnen sage, wie sehr ich Tokyo Downtown – Shitamachi – liebe. Aber warum sollte ich viel Geld für eine fancy Wohngegend ausgeben, wenn ich es genau so gemütlich zwischen Schrein und Einfamilienhäusern haben kann?
Mein Arbeitsweg ist immer noch der Gleiche – 40 Minuten, mit einmal umsteigen. Das Umsteigen ist zwar in der Sommerhitze mehr als lästig und auch der Weg zum Bahnhof jeden Morgen (10 Minuten) kann bei anhaltenden 35 Grad zur Qual werden.
Aber wenn man sich drei Handtücher um den pumpenden Körper wickelt, dann kann man das Zerfließen wenigstens etwas aufhalten. Manchmal.

Tokyo ist heiß.
Ich habe vergessen, wie unangenehm der japanische Sommer ist, weil ich ihn nur kurzzeitig mit 16 Jahren erlebt habe und damals alles so spannend und toll fand, dass ich dachte – ständig schwitzen und zerfließen gehört nun mal dazu.
Anfangs war das alles auch noch ganz lustig, jetzt reichen mir schon drei Minuten außerhalb einer klimatisierten Räumlichkeit, um die japanische Sonne leise zu verfluchen.
Manchmal fahre ich nach Kamakura ans Meer, um mich abzukühlen. Dann liege ich in dem etwas grauen Sand, schwimme ein paar Runden im Meer, dass so salzig ist, dass einem die Augen brennen und dann fahre ich heim, zurück in die Großstadt, einen halben Tag lang erfrischt.

Nächste Woche ist dann Obon – buddhistisches Totenfest und die nächste große Ansammlung von Feiertagen für die japanische Bevölkerung steht bevor. Da gehöre ich ja (noch) nicht dazu, also arbeite ich fleißig weiter. Ich bin noch immer Englisch-Lehrerin in Shinjuku, ab- und zu Deutsch-Lehrerin in Higashi-Koganei in West-Tokyo und sehr oft Immobilienmaklerin und Bloggerin/PR-Dame (:D) für unsere Ferienhäuser und Appartements.
So sehr mir Unterrichten auch Spaß macht, meine „Karriere“ als Lehrer ist ziemlich festgefahren und wie alles, was ich für ein zwei Monate gemacht habe – fühle ich mich schon wieder gelangweilt. Da lobe ich mir die Immobilienschiene. Ich bin ständig unterwegs, düse durch Tokyo, besichtige Wohnungen, übergebe Schlüssel für Ferienwohnungen, treffe Menschen, schreibe Berichte. Das ist abwechslungsreich und bleibt dadurch immer spannend.
Manchmal erwische ich mich selber dabei, wie ich gähne, während ich den immer gleichen englischen Text vorlese und meine Schüler dazu animiere, mir nach zusprechen. Das tut mir natürlich Leid. Vor allem für meine Schüler.

Jetzt ist es schon August, ich habe mich gut eingelebt, gut eingearbeitet und ich bin sogar so gut im Geschäft, dass ich mir ein japanisches Sparkonto einrichten konnte. Manchmal erinnere ich mich noch daran, dass mir irgendwann das Bafög im Nacken sitzen wird. Und da kann man nie früh genug anfangen zu sparen.

Noch fast drei Monate und mein Visum läuft ab. Meine Firma hat mir alle Unterlagen für die Beantragung eines neuen Visums zurecht gelegt und Ende dieses Monats werde ich mich zur Einwanderungsbehörde nach Shinagawa begeben. Viele meiner Freunde meinten, ich solle mir ein gutes Buch mitnehmen – man kann da schon mal einen ganzen Tag verbringen.

Nun wollten es alle immer wissen – wird sie bleiben, oder nicht? 😉
Die Chancen, dass ich hier bleiben kann stehen sehr gut.
In Prozent wären das vielleicht 99%. Ich hab alle nötigen Unterlagen meiner Firma, ein Empfehlungsschreiben und damit einen Bürgen.
Ich habe einen Arbeitsvertrag, der bis nächstes Jahr gilt, ich darf also gar nicht eher abhauen, ich muss noch meinen Soll ableisten. 😉

Die Chancen, dass wir uns also im Oktober wiedersehen ist sehr gering, aber ich werde trotzdem weiter schreiben und natürlich weiterhin online verfügbar bleiben.
Weihnachtsferien gibt es hier nicht und bevor ich kein neues Visum erhalte, darf ich sowieso nicht ausreisen. Aber Mitte Oktober weiß ich meinen Status und dann kann ich auch einen eventuellen Kurzurlaub in Deutschland planen. Bezahlten Urlaub (7 Tage!!!) darf ich ab November beantragen (nach 6 Monaten in der Firma). Die werden aber leider für das kommende Hirasawa-Konzert im Tokyo Dome City draufgehen… (Sorry, Prioritäten und so.. :/)

Was aber jedem frei steht ist es, mich zu besuchen. Einzelpersonen kann ich jederzeit in meiner bescheidenen Wohnung aufnehmen, für alles andere bin ich gerne bereit seht schöne Ferienwohnungen zu vermitteln. Nicht, dass ich da Profit raus schlagen möchte. Nein, nein. 😛
Ich habe es so weit geschafft, da werde ich jetzt leider nicht zurück kommen, egal wie sehr mich manchmal das Heimweh plagt.

Natürlich vermisse ich meine Familie, ich vermisse mehr als einen Tag frei in der Woche zu haben und ich vermisse auch das ganze ungesunde Essen (Sauerkraut, Quark mit Kartoffeln, alle Arten von Pasta mit Pizza, mit echtem Käse, richtig echtem Käse und Brot). Ich vermisse die langweiligen Tatorte am Sonntag-Abend, die so schön einschläfernd waren, weil man auch einschlafen konnte, weil man vor 20 Uhr zu Hause war.

Mir fehlt das Abendessen mit der Familie, auch wenn das Essen nicht schmeckt, nicht warm ist – das Bier vermisse ich, denn das hier in Japan ist nur gut, wenn es teuer ist.

Ich vermisse die leere S-Bahn in Berlin (im Vergleich zu Tokyos Zügen ist jede S-Bahn leer), ich vermisse das Berliner Ensemble und ich vermisse es sehr in Bibliotheken und Bücherläden zu schmökern. Mir fehlt die Literatur in meiner Sprache, auf die ich jederzeit Zugriff haben kann. Mir fehlt das Wort auf Papier (hätte ich das Internet nicht, wäre es schlimmer).

Mir fehlen meine Haustiere, meine Schreibmaschine, Feiertage, die Feiertage sind und mir fehlt das Gefühl sich nicht schlecht fühlen zu müssen, wenn man mal frei macht oder nichts macht.

Mir fehlt mein Bruder.

Mir fehlt der Platz der Einheit West, die Eisdiele neben dem Park, in der man so schön entspannen konnte, die Waschbar, selbst die Uni fehlt mir. Der „Stress“, den ich während meines Studiums hatte, erscheint mir jetzt als reinster Urlaub.
Mir fehlt die Freiheit, sich in einen Park zu setzen, Bier zu trinken, sich zu entspannen, weil es okay ist – weil Entspannen wichtig ist. Mir fehlt die Spree, der M41 (ja, dieser verdammte Bus fehlt mir), die dreckige U-Bahn, der Hermannplatz, die verhipsterten Kneipen, die netten Gespräche über Revolution und über Pseudo-Revolution. Mir fehlt die Oase, das Chagall und abendliche Lesungen mit freundlichen Twitter-Persönlichkeiten.

Mir fehlt so ein bisschen deutsche Gemütlichkeit in dem bunten Gewirr, dass mich täglich umgibt. Das fällt mir manchmal ein, wenn ich deutsches Radio höre. Wenn ich deutsche Nachrichten sehe. Wenn ich mich wirklich intensiv daran erinnere, woher ich eigentlich komme. Aber meistens bin ich selbst dafür zu beschäftigt.

Und trotzdem würde ich mich nicht für einen Rückzug entscheiden.
Noch lange nicht. Dafür habe ich hier jeden Tag viel zu viel Spaß.


2 responses to “Was fehlt.

  1. hanna sagt:

    Ich dachte, gesetzliches Minimum fuer bezahlte Urlaubstage waeren 10 Tage als fest angestellter..? Kann mich aber auch taeuschen^^; Viel Erfolg weiterhin jedenfalls! Das Tokyoter Arbeitsleben kann einen ganz schoen schaffen..

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